Brentford-Bratwurst

Britischer Fußball – da wird der Romantiker gleich hellwach. Hier ist Fußball noch ein Arbeitersport. Enge Stadien, keine Zäune, keine Schwalben, keine Ultras. Dem Fußball soll auf der Insel noch etwas Ursprüngliches geblieben sein. Zeit auch für fussballwurst.de sich mal wieder im Mutterland des Fußballs umzusehen. Und die Euch allen schon lange unter den Fingernägeln brennende Frage zu klären: Wie machen die Briten das eigentlich mit der Wurst beim Fußball?

London im Dezember 2012. Man hat hier lediglich die kümmerliche Auswahl von geschätzten 15 Profifußballklubs in den ersten vier Ligen. Dank bester Kontakte der fussballwurst.de-Bratwurstjournalisten weltweit verabreden wir uns mit unserem englischen Informanten für ein Spiel im Griffin Park, der Heimat des Brentford FC. Die “Bees” sind hierzulande möglicherweise der einen oder dem anderen durch den deutschen Cheftrainer Uwe Rösler, als Spieler lange bei Manchester City aktiv, und das einjährige Gastspiel des unvergessenen Ex-St. Paulianers Marcel Eger in der Spielzeit 2011 / 2012 ein Begriff. Der 1889 gegründete Klub hat seine Heimat im gleichnamigen Stadtteil Brentford im Westen Londons. Bereits seit 1904 wird im Griffin Park, oder auch “The Hive”, gespielt. Etwa 12.700 Zuschauer finden hier Platz. Heute sieht man über dem Stadion die Flugzeuge, die in Heathrow starten, in alle Welt fliegen. Seine sportliche Hochzeit hatte Brentford in den 1930er Jahren, in der man kurzzeitig in Englands höchster Spielklasse mitspielte. Mit Ausnahme der Saison 1991 / 1992, in der man nochmal die zweite Spielklasse erreichen konnte, pendelte der Klub seit dem Zweiten Weltkrieg nur noch zwischen dritter und vierter Liga. Zur Zeit spielt Brentford in der “League One”, der dritthöchsten Spielklasse in England. Das Team liegt dabei aussichtsreich im Rennen um einen Platz für die Aufstiegsplayoffs.
Ein Konkurrent dabei ist der heutige Gegner, MK Dons aus Milton Keynes. Der Verein ist vergleichbar mit einer Art Mischung aus der TSG Hoffenheim und den Hamburg Freezers. Ehemals der Wimbledon FC, wurde der Klub 2003 von London nach Milton Keynes verlagert und später umbenannt. Traditionsbewusste Fußballfans auf der Insel haben für diesen “Franchise-Club” seither nur Verachtung übrig.

Tatsächlich werden auf dem Weg zum Stadion bereits viele Klischeevorstellungen vom britischen Fußball bestätigt. Man befindet sich in irgendeiner Wohnstraße mit zweistöckigen Häusern. Hier und da ein Flutlichtmast im Garten verrät schon, was gleich kommen mag. Und schon steht man vorm Stadioneingang. Bereits jetzt verfestigt sich der Eindruck, dass es keine schlechte Entscheidung war, sich einen unterklassigen Verein auszusuchen, statt zu einem Premier League-Spiel zu gehen. Wir können hier nämlich Stehplatztickets erwerben. Die sind mit 21£ (knapp 25€) zwar auch nicht gerade günstig. Für ein Ticket bei West Ham, Tottenham oder Arsenal etc. sollte man allerdings schon eher mit 50£+ kalkulieren. Wir haben noch Zeit, also suchen wir uns einen der vier Pubs, die sich an jeder Ecke des Stadions befinden – eine der Besonderheiten der Spielstätte. Auf dem Weg grüßt uns der Vizekapitän Jonathan Douglas freundlich, der gerade auf dem Weg ins Stadion ist. Wir landen schließlich im “Griffin”, der dadurch nochmal bekannter ist, dass hier Szenen des Hooliganfilms “Green Street” gedreht wurden. Dies erzählt uns Marcus, der nach eigenen Angaben “Relationshipmanager for foreign fans” ist und uns dank des St. Pauli-Pullovers meiner Begleitung gleich als seine Zielgruppe erkannt hat. “Der Brentford FC, oder kurz “The Bees”, ist das Paradebeispiel eines kleinen “Family Clubs”", schreibt fussballinlondon.de . Diesem Eindruck kann ich nach der freundlichen Begrüßung durch Spieler und Fans nicht widersprechen.

Nachdem wir den Pub wieder verlassen, ist es endlich an der Zeit, sich zu stärken. Wir gehen also in den Innenraum des Stadions und sondieren das Nahrungsangebot. Neben Burgern werden auch Würste angeboten. Es wird immer besser. Wartezeiten gibt es keine und ich erhalte vom freundlichen Mitarbeiter in dem kleinen Kiosk gleich meine “Jumbo Sausage” für 3,20£. Sie wird mir in einem aufgeschnittenen Baguettestück überreicht. Auf einem kleinen Tischchen finde ich noch je eine Sorte Senf und Ketchup, an denen man sich nach Belieben bedienen kann. Es folgt der Geschmackstest. Die Wurst macht zwar qualitativ keinen besonders tollen Eindruck. Schmeckt nach irgendeinem Industrieprodukt. Aber so sehr man die Einkaufspolitik Brentfords in dieser Hinsicht kritisieren mag – was sie danach mit der Wurst anstellen hat Hand und Fuß. Sie ist angemessen durchgebraten und warm. Vor allem das Baguette bringt weitere Pluspunkte, ebenfalls angewärmt, frisch und knusprig. Kurz blitzen grauenvolle Erinnerungen an lasche Toastbrotscheiben auf Hamburger Fußballplätzen vor meinem inneren Auge auf. Schon ist der Wurst alles verziehen. Das “Jumbo” im Produktnamen ist ebenfalls nicht allzu weit hergeholt. Die Wurst ist tatsächlich eine solide Grundlage. Wer mag, kann dies nutzen, denn im Stadioninnenraum wird auch Bier in Plastikflaschen verkauft. Allerdings darf dieses nicht mit auf die Tribünen genommen werden, weswegen wir uns dagegen entscheiden.
Mit einer besseren Wurst wäre hier eine Topbenotung drin gewesen. So vergeben wir aufgrund eines tadellosen Drumherums solide 3,5 Sterne. (3.5/5)

Es geht also weiter auf die “Terrace”, die Stehplatztribüne hinter dem Tor, auf der sich die lautesten Heimfans einfinden. Während des Aufwärmprogramms der Teams sollte man nicht mit dem Rücken zum Spielfeld stehen. Mangels Netzen oder Zäunen können einen gerade beim Torschusstraining fehlgeleitete Bälle durchaus einmal zu schnellen Reaktionen zwingen. Als es losgeht ist das gut zur Hälfte gefüllte, aber dabei keineswegs leer erscheinende, Stadion erfreulich laut. Immerhin 500 Gästefans sind ebenfalls dabei. Aus größeren Stadien hierzulande kaum mehr bekannt, fällt in der Folge vor allem das Fehlen eines Capos oder eines bestimmten “Vorsingblocks” auf. Hier wird angefeuert, dort mal ein Sprechchor oder Lied angestimmt. Mal stimmen andere ein, mal nicht. Wirklich ungewohnt, aber sicher nicht weniger stimmungsvoll. Die Gästespieler dürfen sich als “Franchise Scum” beschimpfen lassen, sind dies aber offensichtlich gewohnt und zeigen einen routinierten Umgang damit. Sie sind es nämlich, die in einem umkämpften Spiel mit wenigen Torchancen Mitte der ersten Hälfte in Führung gehen. Brentford hat zwar mehr Ballbesitz, kommt aber kaum zu guten Chancen. Kurz vor der Pause dürfen wir dann aber doch den vielumjubelten Ausgleich in “unser” Tor bejubeln! Die zweite Hälfte verläuft lange Zeit ähnlich. Die MK Dons gehen erneut in Führung. Diesmal versucht Brentford jedoch entschlossener und zielstrebiger zu antworten. Nach dem Ausgleich gelingt zwei Minuten vor Schluss tatsächlich noch der Siegtreffer. Ein Big Point im Aufstiegsrennen. Da es nichts Schlimmeres beim Fußball gibt als neutrale Zuschauer, freuen wir uns natürlich mit.

Alles in allem kann der Besuch des Griffin Park zu einem Heimspiel des Brentford FC jedem fußballinteressierten Londonbesucher sehr ans Herz gelegt werden, sofern es einem nicht nur darauf ankommt, die besten Spieler der Welt zu sehen. Die Brentford-Bratwurst ist dabei sicher nicht der Hauptanreiz, aber bestimmt auch kein Hinderniss.
To all Brentford fans, players and officials: Thanks, I had a great time and will return for sure.

Links

Brentford FC

Spielbericht auf der Seite des Brentford FC (englisch)

MK Dons

Wikipedia-Eintrag Brentford FC
(englisch)

Autor: T.Weber
Datum: Freitag, 8. Februar 2013 21:04 | Dieser Artikel wurde 906mal gelesen
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