Düü, düü, düü… Unterwegs im wilden Osten

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Dresden gehört mit Sicherheit zu den schönsten Städten Deutschlands. Semperoper, Altstadt mit Frauenkirche, Elbwiesen, Neustadt… die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten in der sächsischen Landeshauptstadt könnte noch lange weitergehen. Am 33. Spieltag der Saison  2011/12 sollte es jedoch keine Möglichkeit zum Sightseeing geben, denn es ging mit dem FC St. Pauli zum eminent wichtigen und nicht minder brisanten Auswärtsspiel nach Elbflorenz. Während die Dynamos schon längst den Klassenerhalt erreicht haben und sich im gesicherten Mittelfeld tummeln, ging es für die Kiezkicker um den Relegationsplatz mit der Möglichkeit, über diese Hintertür doch noch in die 1. Bundesliga zu gelangen.

Frühmorgens ging es mit 2 Sonderzügen, besetzt mit insgesamt ca. 2.000 Schlachtenbummlern, vom Bahnhof Altona auf die knapp sechsstündige Reise gen Sachsen. Die Vorzüge einer solchen Fahrt mit Partywaggon, exzellenter Musikbeschallung und kurzweiliger Unterhaltung brauche ich dem geneigten Auswärtsfahrer wohl nicht näher zu erläutern. Am Dresdner Hauptbahnhof angekommen, sollte es eigentlich in die bereitgestellten Shuttlebusse gehen, die neben einer halben “Armee” am Ausgang des Bahnsteiges warten sollten. Leider fiel der mitgereisten Fußballwurstfreundin erst jetzt auf, dass ihre Eintrittskarte noch immer im Zug schlummerte. Also ging es zurück in die Bahn, wo leider irgendein Witzbold die Nummern der Waggons vertauscht hatte und so die Suche nach unserem Abteil bedeutend erschwerte. Dies dauerte den sichtlich verwirrten Bahnbeamten, die sich mittlerweile im Zug befanden, wohl ein wenig zu lange und so fuhr der Zug mit uns als “blinden Passagieren” an Bord gen Abstellgleis. Dieses befand sich dummerweise in der absoluten Einöde, sodass es eine halbe Ewigkeit dauerte, bis das von einer überaus freundlichen Bahnfrau gerufene Taxi (Zitat: “Nein, das sind ganz friedliche Sankt Pauli-Fans!!!”) auch tatsächlich dort ankam. Die Fahrt zum Stadion war äußerst kurzweilig, da der sympathische Dresdner Taxifahrer neben fremdenführerischen Qualitäten auch interessante Anekdoten aus der Zeit hinter dem eisernen Vorhang zum Besten gab. Die letzten 350 Meter zum Gästeblock mussten wir uns dann jedoch noch als klar erkennbare Sankt Paulianer durch schwarz-gelbe und teilweise recht finster dreinblickende Horden schlängeln, bis wir überglücklich endlich wieder unter Gleichgesinnten waren.

IMG_4183Was jetzt folgte, kann als nichts anderes als pure Schikane angesehen werden. Die 2 Sicherheitskontrollen waren so abgestimmt, dass immer nur 10 Leute gefühlt alle 5 Minuten die 1. Hürde passieren durften. Gesplittertes Glas auf dem Boden ließ erahnen, dass hier schon einiges an Unmut entladen wurde So bewegten wir uns in einer Geschwindigkeit von geschätzten 10 Metern pro Stunde vorwärts, das ganze bei 30 Grad und ohne Möglichkeit, etwas Trinkbares zu kaufen. Irgendwann hatten wir dann auch die 2. Sicherheitskontrolle passiert und zum Glück noch genügend Zeit, das gastronomische Angebot und insbesondere die Wurstsituation in Augenschein zu nehmen.

IMG_4202Im Bereich vor der Tribüne gibt es für den Gästeanhang insgesamt 3 Stände. Das Angebot an fester Nahrung umfasst neben den Klassikern Bratwurst und Krakauer auch Bockwurst, Frikadelle, Brezel und Fisch- sowie Schnitzelbrötchen. In flüssiger Form wird, neben den üblichen Erfrischungsgetränken und Kaffee, alkoholfreier Gerstensaft eines Schweizer Bierbrauers im Wegwerfbecher angeboten. Wir entschieden uns für Wasser zum astronomischen Preis von 2,80 € und dem Doppelpack von Bratwurst zu 2,50 € sowie Krakauer für 3,00 €. Die Fleischprengel werden leider wie so oft in der Blechwanne über Gas zubereitet. Senf der Marke “Bautz´ner“ kann an der Seite des Standes beliebig auf die Wurst, die in einem halb aufgeschnittenen Brötchen steckt, kredenzt werden. Die Herkunft der Fleischerzeugnisse konnte nicht herausgefunden werden, aufgrund der Angabe von Konservierungsstoffen, Antioxidationsmitteln und Phosphaten (Krakauer) auf der Preistafel ist hier jedoch mit großer Sicherheit von einem Industrieprodukt auszugehen. Zunächst zur Bratwurst: Sie ist nicht besonders lang, dafür aber von ausreichender Dicke, gut gebräunt und überzeugt den Gaumen mit einem erfreulich würzigem Geschmack und einer guten Konsistenz. IMG_4186In Kombination mit dem frischen und krossen Brötchen sowie dem allseits bekannten Senf ein überaus positiv zu umschreibendes Testexemplar, welches in meinen Augen in einer Liga mit der Fleischpeitsche aus dem Erzgebirgsstadion zu Aue spielt. Die Krakauer ist bedeutend länger, was den Mehrpreis zur Bratwurst durchaus relativiert. Rein optisch gesehen gibt es nichts zu bemängeln, jedoch offenbart der erste Biss in meinen Augen einige Kritikpunkte. Zum einen ist die Konsistenz als sehr zäh zu bezeichnen, zum anderen ist mir das ganze einfach zu fettig. Wenn sich nach dem Abbeißen eine Fontäne im Umkreis von einem Meter ergießt, sorgt dies nicht unbedingt für freudige Gefühlsausbrüche und lässt vermuten, dass hier ein wenig zu lange gegrillt wurde. Abgesehen davon bietet die Krakauer geschmacklich doch einiges für den Gaumen und die Existenz der schon beschriebenen Beigaben in Form von Brötchen und Senf sorgen für ein positives Gesamtbild. Im Gesamtpaket reicht es aus unserer Sicht dennoch nur für insgesamt 3,5 Punkte.

(3.5/5)

IMG_4200Frisch gestärkt konnte nun der Platz genauer unter die Lupe genommen werden. Der an Stelle des alten Stadions errichtete komplette Neubau  von 2009 mit Platz für 32.000 Zuschauer bietet zunächst alles, was sich ein Fußballfan wünscht. Komplett überdachte und zudem sehr steile Ränge, eine komplette Stehplatztribüne, moderne sanitäre Einrichtungen sowie eine zentrale Lage (die Innenstadt ist quasi nur einen “Steinwurf“ entfernt). Auf den zweiten Blick unterscheidet sich das neue Rudolf-Harbig-Stadion jedoch nicht wirklich von vergleichbaren Event-Arenen, die in den letzten Jahren in Deutschland aus dem Boden geschossen sind, und könnte genauso gut in Aachen, Augsburg, Duisburg oder Sinsheim stehen. Selbst die charakteristischen Flutlichtmasten, im Volksmund “Giraffen“ genannt, wurden für den Neubau geopfert.

IMG_4196Spätestens nach dem Anpfiff wurde auch deutlich, dass in den Planungen des Stadions die Akustik eine wichtige Rolle spielte. Ich habe selten eine so laute Heimkulisse von der gegenüberliegenden Seite aus wahrgenommen, was sicherlich nicht zuletzt auch an den sangesfreudigen Dynamos lag. Selbst ein vollbesetztes Westfalenstadion kommt da, aus meiner eigenen Erfahrung, nicht heran. Dafür tummeln sich in Dresden vielerlei skurrile Personen. Die Anabolikageschwängerten Hampelmänner direkt neben dem Gästeblock erinnerten stark an ihre “Brüder im Geiste“ aus Rostock und so manches Spruchband bzw. Aktion in der Dresdner Fankurve zeigte wieder mal ausdrücklich, welche Gesinnung hier der ein oder andere mit sich spazieren trägt. Nett anzuschauen war jedoch die Papierschlangenchoreo in Schwarz-Gelb, auch wenn an der Synchronisation zwischen den einzelnen Tribünen noch gearbeitet werden sollte. Das Spiel auf dem Rasen war trotz der tropischen Temperaturen recht munter und die Kiezkicker konnten sich die ein oder andere hochkarätige Chance herausspielen, während die Sachsen sich aufs Kontern beschränkten.

In der Halbzeit war eigentlich angedacht, Nachschub in flüssiger Form zu besorgen. Der einzige Ausgang befindet sich jedoch im unteren Bereich des Gästeblocks und derselbige war so überfüllt, dass es für uns, die sich im mittleren Bereich befanden, schlichtweg unmöglich war, den Block zu verlassen. Was passiert wäre, wenn sich im oberen Bereich ein Notfall ereignet hätte, mag ich mir nicht auszumalen.

Der Spielverlauf in Hälfte 2 änderte sich nicht wirklich, nur dass die Dynamiker eine ihrer Konterchancen nutzen konnten und die Sankt Paulianer vergeblich anrannten und noch einige 100%ige vergaben. Trotz des mit 0:1 verloren gegangenen Spieles und der fast aussichtslosen Situation im Kampf um Platz 3 wurden die Kiezkicker von den knapp 2.500 angereisten Schlachtenbummlern gefeiert.

Die trockenen Kehlen verlangten nach Erfrischung und so begaben wir uns zu den Versorgungsständen. Diese waren jedoch hoffnungslos überfüllt und so blieben als letzte Hoffnung die Wasserhähne in den Toiletten. Aber auch hier das gleiche Bild. Aus meiner Sicht ein weiteres Armutszeugnis, wenn es der Verein bei solch extremen klimatischen Bedingungen nicht hinbekommt, die Fans mit genIMG_4204ügend Flüssigkeit zu versorgen. Nach einer ganzen Weile beruhigte sich die Situation und wir konnten gestärkt den Rückweg zum Hauptbahnhof antreten. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens in den völlig überhitzten Shuttlebussen kamen wir endlich auf unserem Bahnsteig an. Zunächst schien auch hier keinerlei Getränkeversorgung zu existieren. Nach verzweifeltem Nachfragen bei der anwesenden Ordnungsmacht überreichte mir ein freundlicher Polizist hinter vorgehaltener Hand eine seiner Wasserflaschen. Eine 1 ½ Stunde später sollte dann auch endlich die Rückfahrt nach Altona, mit dem letzten zweifelhaften Highlight von 3 blankziehenden Schlauchbootinsassen auf der Elbe kurz hinter Dresden, starten.

Autor: S.Schroeder
Datum: Donnerstag, 24. Mai 2012 0:24 | Dieser Artikel wurde 1,171mal gelesen
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