2 gekreuzte Hämmer und ne klasse Wurst – Zu Gast im Erzgebirge

606px-Fc_erzgebirge_aue.svg

Die kalte Jahreszeit neigt sich endlich dem Ende zu und die Saison 2011/12 geht so langsam in die entscheidende Phase. In Liga 2 bahnt sich ein spannender Fünfkampf um den Aufstieg an und auch in der gefährdeten Zone bangen noch diverse Vereine, hier jedoch um den Verbleib in der Liga. Am 26. Spieltag sollte es zum Aufeinandertreffen zwischen dem FC Erzgebirge Aue und dem FC St. Pauli kommen. Während die gastgebenden Auer jeden Punkt im Kampf gegen den Abstieg benötigen, befinden sich die Kiezkicker noch aussichtsreich im Rennen um einen der begehrten Aufstiegsplätze.

Bereits vor Beginn dieser Saison stand für mich die Fahrt ins Erzgebirge ganz oben auf der Liste. Die ehemalige BSG Wismut Aue stellt in meinen Augen eines der wenigen “gallischen Dörfer“ im durchkommerzialisierten Profifußball mit den immer gleichen Plastik-Hochglanz Arenen, dem bargeldlosen Kartenschwachsinn und dem allzu perfekten Konsum von Eventinszenierungen dar. Dass es dieser Verein in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern und einer strukturschwachen Region schafft, sich Jahr für Jahr zu behaupten, ist bemerkenswert und nicht zuletzt der Identifikation und Leidenschaft einer ganzen Region für diesen Club zu verdanken.

Schon die letzten Kilometer von der Autobahn zum Stadion lassen erahnen, dass die Uhren hier auf eine äußerst charmante Art und Weise langsamer als anderswo zu laufen scheinen. Umgeben von bewaldeten Bergen und begleitet von einem Bach schlängelt sich die schmale Straße in Richtung des Objekts der Begierde, dem  Erzgebirgsstadion. Eine äußerst entspannte und, im Gegensatz zu vielen anderen Auswärtsfahrten mit St. Pauli, schnelle sowie unkomplizierte Leibesvisitation später befinden wir uns im Bereich hinter dem Gästeblock.

IMG_3680Strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen machen hungrig und führen uns zu einem der ausreichend vorhandenen Versorgungspunkte. Zum Glück auch hier wieder keine Spur von Profifußball, denn für das leibliche Wohl wird aus erfrischend einfachen und sympathischen Holzhütten gesorgt. Das Angebot umfasst neben einem Gemüse- sowie Nudeltopf und der klassischen Brat- auch eine böhmische Rauchwurst. Für uns war sofort klar, dass wir die beiden, in Blechwannen über Gas gegrillten, Fleischerzeugnisse bestellen. Die Freundlichkeit der Damen hinter der Theke ist hier auch noch einmal gesondert hervorzuheben und so standen wir wenig später mit beiden Exemplaren zum Wursttest parat. Senf oder Ketchup werden wahlweise direkt auf die Wurst kredenzt, welche in ein angeschnittenes Brötchen gelegt wird. Die Preise von 2 Euro für die Brat- und 2,50 Euro für die Rauchwurst sind im Übrigen äußerst erfreulich und sehr positiv anzumerken. Auch rein optisch gibt es aufgrund des soliden Durchmessers und der ausreichenden Bräunung nichts auszusetzen. IMG_3683Der erste Biss in die klassische Bratwurst offenbart einen ausgezeichneten und würzigen Geschmack. Leider ist die Konsistenz für meinen Geschmack etwas zu wabbelig. Bei der Rauchwurst stimmt hingegen alles, eine Freude für den Gaumen eines jeden ambitionierten Wursttesters. Ein paar Worte noch zum mitgelieferten Brötchen. Das eigentliche Vorhandenensein ist ja bekanntlich für einen leidgeprüften Hamburger Fußballfreund schon ein Grund für ein strahlendes Gesicht, jedoch sorgt hier die fehlende Frische und Bissigkeit der Backware für einen kleinen Abzug in der B-Note. Die Addition aller Kriterien inklusive der Freundlichkeit des Personals bewog uns dennoch, satte 4 Sterne für beide Fleischpeitschen zu vergeben.

(4/5)

Der Vollständigkeit halber sei noch die dargebotene Flüssignahrung zu erwähnen. Den Gerstensaft einer im schönen Harz beheimateten Brauerei gab es im Halbliter-Gebinde für 3 Euro und beinhaltete nach vorherigen Bedenken tatsächlich Alkohol. Einziges Manko ist das fehlende Pfandbechersystem, hier gibt es aus unserer Sicht definitiv Nachholbedarf.

IMG_3685Im Gästeblock angekommen, fällt der Blick in ein Stadionrund, wie man es sich als passionierter Fußballfan kaum besser vorstellen könnte. Ein hoher Stehplatzanteil, klassische Flutlichtmasten, Traversen mit Patina, viele kleine charmante Details und der weite Blick in die wunderschöne Umgebung im Lößnitztal lassen einem, im Gegensatz zu dem üblichen Einheitsbrei, warm ums Herz werden. Der moderne Fußball hält zwangsläufig aber auch hier Einzug und so wurde die Gegengerade vor zwei Jahren mit einem Dach versehen. Ob es in Aue auf längere Sicht einen kompletten Neubau oder einen behutsamen Umbau des Erzgebirgsstadions geben wird, ist noch nicht geklärt. Es bleibt nur zu hoffen, dass die besondere Atmosphäre dieses Kleinodes auch für nachfolgende Generationen zumindest in Ansätzen erhalten werden kann.

IMG_3724Zum Spiel selber möchte ich nicht allzu viele Worte verlieren. Nachdem die St. Paulianer den Halbzeittee mit einer engagierten Leistung und einer 1:0-Führung im Rücken genießen konnten, sah es auch in Halbzeit 2 lange nach einem ungefährdeten Sieg aus. Da Aue jedoch die wenigen Chancen ihrerseits nutzte und die Kiezkicker keine ihrer vielen Einschussmöglichkeiten in Tore ummünzen konnte, kam es wie so oft und quasi mit dem Abpfiff wurde der 2:1-Sieg für die Veilchen besiegelt. Die Stimmung im mit ca. 2.000 Schlachtenbummlern gefüllten Gästeblock war bis dahin außerordentlich gut. Neben einer gelungenen Choreo mit etlichen Fahnen und unzähligen Luftballons gab es u.a. auch Wechselgesänge mit den Skinheads St. Pauli, die es sich auf der Sitzplatztribüne neben uns gemütlich gemacht hatten.

IMG_3729Erwähnenswert sind noch die mittlerweile auch überregional bekannten Fußball-Kiebitze auf dem bewaldeten Berg hinter der Haupttribüne und der Versuch einiger Auer Fans nach dem Spiel etwas “Dampf“ unterm eigenen Dach abzulassen.

Abgesehen vom aus unserer Sicht unerfreulichen Ergebnis gehört die Reise ins Erzgebirge für uns alles in allem zu einer der schönsten und entspanntesten Auswärtsfahrten. So muss Fußball sein!

Autor: S.Schroeder
Datum: Mittwoch, 28. März 2012 17:23 | Dieser Artikel wurde 1,231mal gelesen
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Erzgebirge Aue

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Bratwursttests, die diesem Artikel inhaltlich ähnlich sind:

3 Kommentare

  1. 1

    Wir kommen aus der Tiefe, wir kommen aus dem Schacht, WISMUT AUE zeigt wie man Bratwurst macht! *sing*

  2. 2

    Ihr zeigt zusätzlich zur tollen Wurst auch noch, wie entspannt Fußball sein kann!! War sehr schön,lecker, freundlich – weiter so!

  3. 3

    [...] umschreibendes Testexemplar, welches in meinen Augen in einer Liga mit der Fleischpeitsche aus dem Erzgebirgsstadion zu Aue spielt. Die Krakauer ist bedeutend länger, was den Mehrpreis zur Bratwurst durchaus relativiert. [...]

Kommentar abgeben