Bananen, Raketen und dazu ne Wurst – Freibeuter versenken die Kogge

600px-Hansa_Rostock_Logo_Neu.svgDer 15. Spieltag in der Saison 2011/12 sollte für den FC St. Pauli das wohl brisanteste Auswärtsspiel dieser Zweitligasaison bereithalten. Dass es keine Spazierfahrt werden sollte, war wohl jedem, der sich auf den Weg nach Rostock machen wollte, schon von vornherein klar. Im Vorfeld wurden erwartungsgemäß von der Bundespolizei dann auch weder Kosten noch Mühen gescheut, um Ausschreitungen jeglicher Art im Keim zu ersticken. So machten wir uns am frühen Morgen mit Vorfreude aber auch ein wenig mulmig auf zum Bahnhof Altona, wo sämtliche 2.000 St. Pauli-Anhänger, die mit den beiden bereitgestellten Sonderzügen an die Ostsee reisen wollten, kontrolliert wurden. Grund hierfür war eine Sonderverfügung der Bundespolizei, aufgrund dessen auf allen Bahnstrecken gen Rostock das Mitführen von Glasflaschen und Pyrotechnik verboten war. Trotz alledem war es erstaunlich, dass die Züge, die 30 Minuten versetzt abfuhren, nur mit einer Verspätung von 15 Minuten den Bahnhof verließen.

IMG_3542Die Zugfahrt verlief ohne Zwischenfälle, wohl auch nicht zuletzt, da bei Überqueren der Landesgrenze an jedem noch so kleinem Bahnhof und an Bahnübergängen mindestens ein Mannschaftswagen stand. Ein wenig Angst einflößend wurden wir in Rostock von mindestens 50 Beamten in Vollmontur in der Unterführung zum Ausgang des Hauptbahnhofs begrüßt. Der weitere Weg zum Stadion wurde in polizeieskortierten Shuttlebussen entspannt zurückgelegt.

Im Ostseestadion angekommen, inspizierten wir zunächst die Versorgungssituation. Da noch mehr als eine Stunde bis zum Spielbeginn verblieb, waren die 2 Versorgungsstände noch nicht übermäßig frequentiert. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass wir seit 6 Uhr auf den Beinen waren, entschieden wir uns direkt für den obligatorischen Wursttest. Die Auswahl fiel nicht schwer, da neben Fischbrötchen nur Bockwurst und eine klassische Bratwurst angeboten wurden.

IMG_3547Die Brat-Prengel zum Preis von je 2,30 Euro wurden auf einem Gasgrill zubereitet und stammen von einem regionalen Großanbieter. Der Bräunungsgrad konnte nicht selbst gewählt werden, da sich die Blechwanne im hinteren Bereich des Standes befand. Als Beigaben wurden hinter der Theke wahlweise Ketchup oder Senf (erfreulicherweise Bautz´ner) auf die Wurst kredenzt. Der Bräunungsgrad war ebenso wie die Temperatur ausbaufähig. Die Konsistenz war für unseren Geschmack etwas zu labbelig und auch geschmacklich blieb die Wurst dem verwöhnten Gaumen einiges schuldig. Das im Preis inbegriffene Brötchen war ein handelsübliches Discounterbrötchen, dem ein paar Minuten auf dem Toaster sicherlich gut getan hätten. Dass kein Bier ausgeschenkt wurde, muss wohl nicht weiter erwähnt werden. Zu konstatieren bleibt, dass dieses Fleischerzeugnis wie auch das gesamte Angebot definitiv zum unteren Durchschnitt der gewohnten Verköstigung zu zählen ist und von uns mit lediglich 2 Wurstpunkten honoriert wird.

(2/5)

IMG_3548Im noch spärlich besetzten Gässteblock angekommen, fielen zunächst die von den Hansa-Fans dekorativ drapierten St. Pauli-Fanartikel am eher symbolisch abgesperrten Pufferblock ins Auge. Allein die Tatsache, dass ein gewöhnlicher Koggenanhänger weiß, wo der Fanshop ist, sorgte direkt für Erheiterung und gesanglichen Niederschlag im St. Pauli-Block. Als dann die Torhüter des Kiezclubs den Rasen zum Aufwärmen betraten, regnete es plötzlich und nicht zum letzten Mal an diesem Tag hunderte Bananen aus dem Hansa-Block, der im Gegensatz zum Gästeblock weder über Absperrungen noch Fangnetze zum Spielfeld verfügt.  Dieses, sowie die Tatsache, dass einer der herbeigeeilten Ordner einige Bananen sogar wieder zurück zu den Fans warf, zeugt nicht unbedingt von einem funktionierenden Sicherheitsapparat im Ostseestadion. Wenig später sollten dann auch die ersten der wie schon erwähnt liebevoll dargebotenen Fanartikel im Gegenwert von ca. 300 € (… das Taschengeld der Suptras?) brennen, was die anscheinend gelangweilten Ordner jedoch wenig juckte. IMG_3549Die von beiderseits des Gästeblocks dargebotenen “Gesangseinlagen“ der Rostocker (Sch… St. Pauli) wurden von den anwesenden St. Paulianern angesichts der gewohnten Kreativität mit reichlich Applaus bedacht. Neben weiteren Provokationen, homophoben Gesängen und “netten“ Transparenten wie „In Arsch – ihr Homos“ war für “Kurzweil“ vor Spielbeginn allemal gesorgt.

Neben aller Brisanz noch ein paar Worte zur Stadionarchitektur: Das Ostseestadion, so hieß es zumindest früher einmal, wurde im Jahre 1999 bis auf die markanten Flutlichtmasten komplett umgebaut und versprüht trotz dem Grundstandard einer modernen Arena (Komplettüberdachung, keine Laufbahn usw.) seither den Charme einer Baumarkthalle. Unverständlich war mir überdies schon immer, dass es auf der Nordtribüne zwei voneinander räumlich getrennte Stehplatzbereiche in den Ecken gibt und der aktive Kern der Rostocker Anhängerschaft vor einiger Zeit geschlossen in den Sitzplatzbereich auf der Südtribüne direkt neben den Gästeblock zog. Ob es sich hierbei um mangelnde Kommunikation mit den Fans oder schlichtweg um Inkompetenz bei der Planung und den Vereinsverantwortlichen handelt, wird man wohl nie erfahren.

IMG_3550Der Anpfiff sollte dann, nach dem Aufstellen der Mannschaften aufgrund einer weiteren Verschwendungswelle der Rostocker Fangemeinde hinter dem Tor in Form von Bananen, ein wenig auf sich warten lassen. Die Partie vor ausverkauftem Haus startete wenig später mit einer unerwarteten Überlegenheit der Rostocker, die sich auch nicht durch einen frühen Platzverweis stoppen ließen. Die Kiezkicker konnten sich erst nach einer halben Stunde ein wenig befreien und nur wenig später gelang ihnen dann auch der erste Treffer. Nun ging es Schlag auf Schlag. Zunächst wurden im Gästeblock kontrolliert Bengalos gezündet, aber nur wenige Sekunden später detonierten Kanonenschläge im Pufferblock direkt neben uns. Als wenn dies nicht reichen sollte, flogen von beiden Seiten zudem mehrere Raketen mitten in die anwesenden 2.400 St. Paulianer im restlos gefüllten Gästeblock. Das Spiel wurde erwartungsgemäß unterbrochen und nach dem Wiederanpfiff ging es dann auch alsbald ohne weitere Zwischenfälle zum Pausentee. Insgesamt war es ziemlich erstaunlich, dass sich die Fans der Kiezkicker durch die teils extremen Provokationen nicht aus der Ruhe bringen ließen und den Chaoten ringsum somit die kalte Schulter zeigten.

IMG_3554In der 2. Halbzeit fanden die Ostseekicker schnell wieder zurück ins Spiel und schossen prompt den Ausgleich. Darauf folgte eine feldmäßige Überlegenheit der St. Paulianer, die jedoch zunächst nicht in zwingenden Tormöglichkeiten mündete. Erst spät fielen die siegbringenden Tore und die ohnehin gute Stimmung unter den mitgereisten St. Pauli-Fans nahm trotz der Vorkommnisse kurz vor der Halbzeit keinen Abbruch.

Nach dem Abpfiff sollten dann abermals Bengalos im Gästeblock gezündet werden, die im unteren Bereich  friedlich abbrannten. Jedoch ließen es sich die Rostocker “Fans“, von denen viele eh lieber ständig zu den St. Pauli-Fans schauten, als das Treiben auf dem Rasen zu verfolgen, nicht nehmen, wiederum einige Salven an Raketen mitten in die Gästefans zu feuern.

Nach dem Verabschieden der Mannschaft folgte eine entspannte Heimfahrt (aufgrund von Steinwürfen auf einen Shuttlebus leider nicht für alle Gästefans). Zurück bleibt ein großes Kopfschütteln angesichts der katastrophalen Zustände und der vielen von mir nicht kommentierten Vorfälle im Ostseestadion sowie die Ohnmacht bzw. Kapitulation des Vorstandes von Hansa Rostock am späten Abend des selben Tages angesichts des Verhaltens weiter Teile der eigenen Anhängerschaft.

Autor: S.Schroeder
Datum: Samstag, 26. November 2011 15:14 | Dieser Artikel wurde 750mal gelesen
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10 Kommentare

  1. 1

    Rostocker werfen Banenen aufs Spielfeld, die Spieler aus Hamburg aufsammeln.

    Das hätte es vor 23 Jahren nicht gegeben. Damit ist die deutsche Einheit endlich vollzogen :-)

  2. 2

    [...] Groenveld, Breitseite, KleinerTod, Metalust, Blog 1910, Nord Support, Übersteiger - Fußballwurst.de - Hanseator (Selbstkritik in Blau-Weiß-Rot!) – After Changes (Kluge Auseinandersetzung mit [...]

  3. 3

    Moin Gerd,

    vielen Dank für den Link! Wir haben uns schon letzte Woche nach dem Spiel köstlich amüsiert! :)

    Braun-Weiße Grüße

  4. 4

    Dankeschön!

    Hab noch einen zu dem Spiel, wenn ihr mögt. Wir ham da nämlich alles was Wichtiges übersehen:

    http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/1000-meisterwerke-apokalypse-wow/

    Guten Appetit und immer eine Schaufel Holzkohle unterm Grill,
    Gerd

    P.S. Und falls ihr euch mal ärgern solltet, weil euch die Wurst nass wird: Man muss immer auch mal die andere Seite sehen – http://wp.me/plfCG-eM

  5. 5

    Auch wenn die Unerfreulichkeiten beim Ausflug vielleicht überwogen haben mögen – selbst die Wurst machte da ja offenbar traurigerweise keine Ausnahme: Danke, dass hier noch jemand Berichte postet, die nicht über solch tragische Spiele wie die beim letzten Stuttgart- und Kieltest geschrieben wurden. ;)

  6. 6

    Natürlich ein toller Bericht :-)
    Aber hier sei noch angefügt:
    Liebe Fußballwurst-Freunde (auch nicht Sankt Paulianer): Lest euch o.g. Berichte von Gegengeraden-Gerd auch durch!! Ich habe sowohl Tränen gelacht als auch mit Hochachtung den Schreibstil bewundert. Kleines Beispiel: “Die freie und bewusste Entscheidung für die maximale Reduktion der Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit verleiht diesem Werk wahre Tiefe.” Kontext hier: http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/1000-meisterwerke-apokalypse-wow/
    Chapeau!

  7. 7

    … und ich frach mich die ganze Zeit, wo denn die ganzen Klicks auf einmal herkommen … :-)

    Vielen Dank, lieber C. Kast und liebe Fußballwurst-Feinschmecker! Mit Euch ess ich am liebsten …!

    DFB sei Dank gibt’s nun auch noch nen dritten Teil meiner “Rostock-Trilogie”. Wohl bekomm’s:
    http://www.gegengeraden-gerd.de/fc-st-pauli/ich-kaufe-ein-k/

  8. 8

    Auch von mir Lob für diesen guten Artikel.
    Es heißt allerdings liebe C. Kast :)

  9. 9

    Upps! Sorry, liebe C.!

  10. 10

    [...] Die Anabolikageschwängerten Hampelmänner direkt neben dem Gästeblock erinnerten stark an ihre “Brüder im Geiste“ aus Rostock und so manches Spruchband bzw. Aktion in der Dresdner Fankurve zeigte wieder mal ausdrücklich, [...]

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