“Fussball!” “Wurst!” beim Antira-Fanturnier von Altona 93

Die Adolf Jäger-Kampfbahn in Hamburg Altona Mitte Juni 2011. Zwanzig Mannschaften treten gegeneinander an – um den “Cup der Angst”, ein Fanturnier von Altona 93-Fans. Mit an Bord sind Teams aus ganz Deutschland, zum Beispiel von Arminia Hannover, Roter Stern Leipzig, Roter Stern Lübeck, Tennis Borussia Berlin und einem Saarbrückener Team der Bunten Liga. Und natürlich sind auch diverse lokale Vertreter aus der Hansestadt am Start, so ein Team des Altonaer Museums, Victoria Hamburg, HSV-Fans sowie die Frauenmannschaft von Altona 93. Mittendrin ist auch unser Team von fussballwurst.de.

1Das Fanturnier ist als Soli-Veranstaltung für Flüchtlingsinitativen gedacht. Der Grundton lautet, dass Fußballfans Rassismus und Sexismus nicht akzeptieren können und werden (mehr Infos hier). Das Reglement sieht eine Gruppenphase vor, in dem jedes Team gegen vier Gegner antritt. Im Anschluss an die Gruppenphase spielen die acht besten Teams im KO-System den Gewinner aus – ganz klassisch vom Viertelfinale über das Halbfinale und dem Spiel um den dritten Platz bis ins Finale. Für uns gilt zuallererst mal die Devise “dabei sein ist alles” – zu schwer ist einzuschätzen, wie stark die Gegner sind. Zumal unser Team bis zum Turnierstart noch nie miteinander gespielt hat. Umso schwerer ist die eigene Kraft der sieben Spieler und des Managers einzuschätzen. Der AFC-Präsident hat uns am Vorabend die Gegner “No Pasaran”, “Rückbau Langenfelde”, “AFC Deerns” und “Leuchtturm Elbstrand” zugelost. Vom Spielplan erfahren wir allerdings erst am Morgen des Turniers, als wir die Adolf Jäger-Kampfbahn betreten und sind schon beeindruckt, was die Organisatoren auf die Beine gestellt haben: Essen, Trinken, Fanartikel – eine ideale Infrastruktur. Und die Erlöse gehen schließlich dem “Cafe Exil” in Hamburg zugute. Das Ziel des Café Exil “ist die Unterstützung von Flüchtlingen und anderen Migrant_innen bei ihrer alltäglichen Auseinandersetzung mit dem institutionalisierten Rassismus in Deutschland und Europa”. Zudem sind bereits viele Spieler und Anhänger vor Ort und werden den Nachmittag zu einem außergewöhnlichen Ereignis machen.

2Bis zu unserem ersten Spiel müssen wir uns jedoch noch eine gewisse Zeit gedulden, denn zuerst stehen noch andere Partien an. Da das Spielfeld der AJK bloß zweigeteilt und nicht, wie im Vorfeld gemutmaßt, geviertelt ist, kommt das Turnier ohnehin nur in gemächlichem Tempo voran. Von Nachteil ist das nicht, denn die spielfreie Zeit kann zur Beobachtung der Gruppengegner genutzt werden. Bis auf “No Pasaran” sind wir recht zuversichtlich, gegen die Teams unserer Gruppe eine reelle Chance zu haben. Unser Minimalziel lautet daher “Viertelfinale mit der Hoffnung auf mehr”. Die Stimmung ist bereits vor unserem ersten Spiel gegen “Rückbau Langenfelde” auf dem Siedepunkt, denn neben zahlreichen mitgebrachten Fans, die uns während des Turniers wertvolle Unterstützung bieten, herrscht bei fussballwurst.de ein 54-verdächtiger Teamgeist. Das Team wird vor dem Anpfiff nahe des Mittelkreises von Manager F.Renz mit einem dreifachen “Fussball!” (Renz) “Wurst!” (Team) eingeschworen und alle sind bis in die Haarspitzen motiviert und heiß aufs Kicken.

4Unsere Zuversicht wird durch das erste Spiel partout gestärkt, denn wir gewinnen es mit 2:0. Die Offensive läuft rund und punktuelle Schwächen in der Abwehr fallen noch nicht stark ins Gewicht, denn “Rückbau Langenfelde” taucht nur ein oder zwei Mal ernstzunehmend vor dem fussballwurst.de-Tor auf. Das Viertelfinale scheint uns bereits sicher, obwohl wir erst ein Viertel der Gruppenphase überstanden haben. Der Dämpfer folgt wie so oft auf dem Fuß: Nach einem zähen Kampf gegen “No Pasaran” müssen wir uns mit 0:1 geschlagen geben. Bei der nachfolgenden Besprechung werden dafür auch Mängel im Abwehrverhalten verantwortlich gemacht, die in den folgenden Spielen aber erfolgreich abgestellt werden können. Das offensive Spiel war schon zuvor sehr zufriedenstellend, einzig der Torerfolg war gegen “No Pasaran” (von anderen Turnierteilnehmern “No Parmesan” genannt) zu vermissen. Da das Gegentor bei 4:1-Überzahl erfolgte, kann man hier von einer unglücklichen Niederlage sprechen. Aber noch ist alles drin und die fussballwürste sind zuversichtlich, die restlichen Spiele erfolgreich bestreiten zu können.

5Deutlich besser läuft es dann gegen “Leuchtturm Elbstrand”. Das inzwischen gewohnt gute Offensivspiel führt im Zusammenspiel mit guter Defensivarbeit zu einem verdienten 2:0-Sieg. Mit zwei Siegen und einer Niederlage ist das Viertelfinale zum Greifen nahe. Als letzter Gegner der Vorrunde stehen die Deerns von Altona 93 auf dem Programm. Die Beobachtung zeigte im Vorfeld bereits Schwächen in der Abwehr auf, während die Deerns nach vorne einige gute Aktionen bringen konnten. Dennoch rechnet man sich gute Chancen aus, ja man ist sogar leicht überheblich. Der 0:1-Rückstand nach einem Durcheinander in der Abwehr ist dann dementsprechend ein Schock, denn eine Niederlage würde den Viertelfinaleinzug gefährden. Vom Spielfeldrand rufen aufgebrachte fussballwurst-Anhänger „Ihr spielt mit angezogener Handbremse!“ und sind kurz davor, das Spielfeld zu stürmen. Die Mannschaft zeigt jedoch Charakter und bleibt ruhig. Nervosität kommt nicht auf, der Ball wird kontrolliert von Station zu Station geschoben. Ein ums andere Mal brandet der Angriff gegen das Deerns-Tor, sodass es nach zehn Minuten zur Erleichterung aller 3:1 für fussballwurst heißt. Mit neun Punkten und 7:2 Toren ziehen wir als Gruppenzweiter ins Viertelfinale ein, wo der Gegner CEC heißt. Der Manager hebt die Alkoholsperre auf und ordert ein Tablett Holsten für das fussballwurst-Team, das von der Vereinskasse (und C.Kast) getragen wird.

3CEC, das sind die HSV-Fans um Büffel und Mongo. Ein Blick in Richtung des CEC-Lagers zeigt, dass die Mehrheit der Akteure dem Bier bereits ordentlich zugesprochen hat. Dementsprechend hat fussballwurst es im Viertelfinale mit einem annahmegemäß geschwächten, da im Bewegungsablauf alkoholbedingt beeinträchtigten Gegner zu tun. Hoffnung auf den Halbfinaleinzug, ja sogar das Finale keimt auf. Optimistisch wird der Ball zum 15-minütigen Spiel angestoßen. Doch der Kick gestaltet sich schwieriger, zäher als erwartet. Die ersten fünf Minuten gehen verloren, es mag kein gefährlicher Angriff auf das CEC-Tor vorgetragen werden. Plötzlich zappelt der Ball im Netz von fussballwurst.de, die alten Abwehrschwächen werden erneut zum Verhängnis. Die Moral der Wurstkicker leidet darunter allerdings nicht. Man will unbedingt den Ausgleich erzielen, um sich zumindest ins 9-Meter-Schießen zu retten.

9Auch von den Rängen gibt es Unterstützung, Bengalische Feuer werden entfacht, “Fussballwurst!”-Rufe erschallen. Doch die Mühe ist vergebens: Hochkarätige Chancen werden vergeigt, das Tor scheint wie vernagelt. Beim Stand von 0:1 wird das Spiel schließlich abgepfiffen, fussballwurst.de ist ausgeschieden. Trotz aller verständlichen Enttäuschung und Haderns mit dem Spielausgang bleibt die Stimmung gut. Denn Anderes wäre an diesem Tag auch völlig unangemessen: Wir haben ein tolles Turnier mit interessanten Teams und netten Gegner erlebt, das sicher jeder in guter Erinnerung behalten wird. Am Abend bei der Siegerehrung erfahren wir sogar, dass wir aufgrund des Torverhältnisses Fünfter geworden sind.  Nicht unerwähnt sollte die Fairness aller Beteiligten bleiben. Die wenigen Fouls sind sicher eher das Resultat von Ungeschick denn von bösem Willen.

6Unerwähnt soll auch nicht die Verpflegung bleiben. Neben feinem veganen Essen (was jedoch weniger die Kernkompetenz von fussballwurst.de ist) gibt es besten Kaffee aus fairem Handel und sogar Brat- und Schinkenwurst. Am Spielertunnel haben die Veranstalter einen Grill postiert, fröhlich bruzzeln die Prengel hier unter der Sprecherkabine vor sich hin. Eine Wertung zu geben ist am heutigen Tag nicht das Ziel unseres Besuchs – jedoch bemerken wir, dass es in ganz hanseatischer Manier Toastbroat und Wurstpappe mit Senf und Ketchup gibt. Die Wurst gibt es für einen Euro plus x, wobei x für die beliebige Spende steht, die für das Grillgut on top geht, wie alles natürlich für den Erlös für das Café Exil. Es sind – und das muss einfach noch einmal erwähnt werden – tolle Gelegenheiten, für eine guten Zweck zu kicken, zu essen und zu trinken. Und das in dieser herrlichen Atmosphäre auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn.

fussballwurst.de-Freundin C.Kast kommentiert die Wurstsituation folgendermaßen:

“Ungewohntes, aber positives Bild von der AJK: Es gibt Stände, wo man Dinge erwerben kann, Menschen liegen auf dem Spielfeld rum, es ist 9 Uhr morgens und am Bierstand ist schon gut was los, alles schön! ABER: dann schweifte mein Blick nach rechts zum ersten Stand – es gab dort veganes Essen… Hhm, damit hatte ich nicht gerechnet – und leichte Enttäuschung machte sich breit. Ich ging vorbei und setzte mich zur Mannschaft. Es dauerte nicht lange, als sich der gute Thomas am Eingang zu den Mannschaftsräumen in der Mitte der Haupttribüne (gut geschützt und außerhalb des Blickfelds der Veganer) an einen kleinen Grill stellte, um (gefühlt extra für uns) Schinkenwürste und helle Bratwürste vorzubereiten. Der Andrang und die Freude war groß!! Einige verzichteten neben Tellern sogar auf das, tatsächlich auch nicht beachtenswerte, Toastbrot und nahmen Wurst samt Senf einfach direkt in die Hand – ein Strahlen machte sich breit. Auch wir gingen nicht nur einmal an diesem kleinen, erst unbemerkten Stand vorbei.”

Also: Am Ende Wurst, alles gut. Das Turnier gewinnen schließlich “No Respect”, welche “Leipziger 52″ mit 5:4 im Elfmeterschießen schlagen können.

Am Abend findet die Abschlussparty im Lobusch statt. Der Laden ist rammelvoll und ohne es gezählt zu haben: Man kann sich sicher sein, dass der goldene Gerstensaft kisten-, nein hängerweise hier Absatz gefunden hat. Eine großartiger Nachmittag geht hier würdig zu Ende.

Herzlichen Dank an alle Organisatoren für ein grandioses Turnier in unserem AFC Stadion. Wir freuen uns schon auf den nächsten “Cup der Angst” in Altona – vielleicht klappt es für das fussballwurst.de-Team dann auch mit dem Halbfinaleinzug! Wir trainieren schon mal …

Links:

- Café Exil

- Bericht zum Turnier von Nordkaos

- Bericht zum Turnier von Roter Stern Lübeck

- Ergebnisse im AFC Fanforum

- Bilder auf Altona93Fans.de

- Lobusch

Autor: M.Turski
Datum: Donnerstag, 23. Juni 2011 19:47 | Dieser Artikel wurde 1,327mal gelesen
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2 Kommentare

  1. 1

    Tolles Turnier, toller Artikel.

    Ich brenne schon auf nächstes Jahr, wo ich dann hoffentlich mit kicken kann und nicht verhindert bin.

  2. 2

    Das wollte ich auch schon ganz lange sagen!! Sehr schön u.a.: “Auch von den Rängen gibt es Unterstützung, Bengalische Feuer werden entfacht, “Fussballwurst!”-Rufe erschallen.” Eure “Trophäe” steht übrigens noch bei mir!

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