100 Jahre SV Arminia – 100 Tore unterm Dach des „Stadion Rote Erde“

SVArminiaDer Freitag nach Himmelfahrt war so grau wie die Tage zuvor und danach. Kalt und grausig. Da also der Strand keinen Ausflug wert war, stellte ich mich an die Autobahn 7, um zum Rand des norddeutschen Tieflandes zu gelangen. Hannover wollte ich erreichen, die Stadt wo sich Leine und Ihme gute Nacht sagen. Vereint schlüpfen die beiden Flüsse als Leine unter der Dornröschenbrücke durch, über die man von der Nordstadt nach Linden-Nord gelangen kann. Unweit der Brücke wollte ich Freunde abholen, um den Abend am Bischofsholer Damm zu verbringen. Endlich sollte ich ein Heimspiel des SV Arminia sehen, sogar das letzte Heimspiel der Saison 09/10, der Meistersaison, ein Jahr nach dem knappen Abstieg aus der Oberliga. 99 Tore hatte der in Blau spielende grün-weiß-grüne ‚SV Arminia e.V. Hannover’ bereits erzielt.

Die Meisterschaft in der Bezirksoberliga Hannover im Rücken, galten alle Erwartungen dem freudvoll herbeigesehnten 100. Saisontreffer. Dieser gelang bereits in der 17. Minute per Elfmeter nach Foul an Dimitrios Alexoudis. Garip Capin trat zum Strafstoß an und manch Zuschauer hinter dem Tor hoffte, 08_100ster_er möge ihn daneben setzen. Das 100. Tor doch bitte nicht durch einen Elfer! Capin legte den Ball jedenfalls links rein – 1:0 für die Blauen. Die Bischofsholer, die mehr Spielanteile hatten, kassierten bereits eine Minute später den Ausgleich durch Samir Dikollari für den SC Twistringen. Die Gäste vom Südostrand der Wildeshauser Geest hatten sich bislang in 28 Spielen bei 6 unentschiedenen Partien insgesamt nur 30 Punkte erarbeiten können. Der Sportclub aus Twistringen spielte in blendend gelben Trikots und erhöhte kurz vor der Pause durch Nils Kummer auf 1:2.

In der Pause holte ich mir zwei Bier an einem zu groß geratenen Bierstand im Schatten der Sitzplatztribüne, einer Tribüne von greisenhafter Würde. Da sie äußerlich in verbleichtem Türkis gehalten ist, tritt man ihr mit einer Mischung aus Hochachtung und Mitleid entgegen. 1920 gegen die weiß-grüne SpVgg Fürth eingeweiht und 1976 vollsaniert, trägt sie seither das Dach des Dortmunder „Stadion Rote Erde“ 1.  Während ich so gegen den Stand lehnte, erzählte mir jemand, dass der 1910 gegründete SV Arminia nach dem 1. Weltkrieg der erste Verein war, Tribuenendachder zu einem Fussballspiel in Holland antrat, was seinerzeit offiziell nicht erlaubt war. In diesem Sommer werden zum Hundertjährigen die beiden Spiele gegen den SC Enschede neu ausgetragen. Jedenfalls ging ich dann endlich rüber zur charmanten Wurstbude mit der Aufschrift SCHON BLAU? um zwei Thüringer zu bestellen. Die beiden Frauen und der Mann in ihrer Mitte wirkten sehr ausgelassen, wie sie so zu dritt in der kleinen Brutze herumalberten. Leider waren grad keine Thüringer verzehrfertig, weshalb ich mir gerne 2 Schinken-Griller vom Gasgrill reichen ließ. Ich gab dem Mann die 4vierzig und leistete mir etwas Trinkgeld.

Der erste Eindruck, den der Griller erzeugte, litt stark unter der Abwesenheit des geliebten Brötchens. Dafür durfte ich mir auf Nachfrage gerne eine zweite, diagonal geteilte Toasthälfte je Wurst genehmigen. Ich kann der Toast-Wurst-Debatte hier keine neuen Impulse geben, würde aber die Beschreibung “gleichschenkliger Makel aus Mehlersatz“ als zutreffend bezeichnen. Ich bat um eine extra Pappe für rot und Senf aus dem Glas und widmete mich also der Wurst, deren Größe mich überzeugte und deren zart-knuspriges Äußeres mich neugierig machte. Da sie nicht zu heiß war, aß ich die Wurst recht zügig, quasi direkt. Sie schmeckte ausgesprochen gut, war jedenfalls in einer ausgewogenen Balance zwischen zu saftig und verdorze06a_Wurstlt. Beim letzten Bissen wurde mir angenehm warm, zum ersten Mal an diesem Freitag spürte ich für einen Moment keine Kälte. Beseelt von diesem Gefühl könnte sich mein Geschmack auch an der Nase herum geführt haben lassen, die zweite Wurst schmeckte mir allerdings fast ebenso gut. Für sie ließ ich mir mehr Zeit. Da ich eigentlich keinen Hunger mehr verspürte, aß ich sie aus purer Freude. Unbeschwert und wohlig gelaunt nahm ich noch zwei Bier mit in die Kurve.  Der Schinken-Griller verdient beinahe vier Punkte, hätte jedoch noch eine Minute länger liegen können. Von den zu vergebenen 3,5 ziehe ich einen halben Punkt für das fehlende Bötchen ab.

(3/5)

Ich hatte den Anstoß zur zweiten Halbzeit verpasst und fand nicht mehr richtig ins Spiel. Die Bischofsholer taten sich ebenfalls schwer und kamen über den verdienten Ausgleich zum 2:2 durch den aufgeweckten Dimitrios Alexoudis nicht hinaus. Die Gäste waren zu keiner Zeit ungefährlich und scheiterten kurz vor Spielende an der Latte. Dann kam der Pfiff und wir ab ins Vereinsheim, wo zum Anlass des 100. Tores zum Hundertjährigen Jubiläum ausgelassen gefeiert wurde und Verabredungen für das Freundschaftsspiel gegen den FC St. Pauli getroffen wurden. Anschließend drehte ich eine kleine Runde über die herzlich bewachsenen Stehränge. Ich dachte an die eben gehörte Geschichte der beiden Vorstände, die im letzten Herbst konkurrierend amtierten, scheints mit Schlössertausch und allem drum und dran.  Darüber sinnend, nahm ich leise Abschied vom würdevoll gealterten Rudolf-Kalweit-Stadion. Das Stadion bietet laut Vereinseite Platz für 16.000 Leutchen. An diesem Tag sind nicht so viele gekommen. Es war sehr kalt am 14. Mai.

Relegation zur eingleisigen Oberliga Niedersachsen

Der SV Arminia hat sich durch den 2:1 Sieg über den SC Langenhagen einen Platz in der nun eingleisigen Oberliga Niedersachsen gesichert. Der direkte Wiederaufstieg! Der drittplatzierte SC Langenhagen hat im Entscheidungsspiel gegen die SVG Göttingen die Chance dem SV Arminia zu folgen2.

Tabelle

1. 7 P (8:4) TuS Güldenstern Stade (10. OL Ost)

2. 6 P (3:3) SV Arminia (Bezirks-Oberliga-Meister Hann.)

3. 4 P (7:5) SC Langenhagen (9. Oberliga West)

4. 0 P (1:7) FC Schüttorf 09 (Bezirks-OL-Meister W.-Ems)

Entscheidungsspiel beim BSV Ölper am Biberweg in Braunschweig

Mittwoch, 16. Juni 19:30

SC Langenhagen – SVG Göttingen

Abschließend möchte ich noch von Hannovers Ausnahmebahnhof berichten. Ich kenne den Bahnhof, der von der „DB Station & Service“ vermutlich in der Bahnhofskategorie 1 geführt wird, seit beinahe 12 Jahren und es ist dennoch der befremdlichste Ort geblieben, den ich je zu betreten gezwungen war. Erschreckend. Es kann sich auch keine Gemütsruhe verschaffen, wer etwa vor das Gebäude zu fliehen sucht. Wo einen im Innern des Gebäudes abstoßende Fremdheit bedrängt, erwischt einen draußen fiese Aussichtslosigkeit mit ungesunder Härte. Dieses boshaft verunstaltete Ding wird außerdem fortwährend gewartet – irgendwie is’ immer Baustelle im alten EXPO-Bahnhof.

Links:

_SV Arminia e.V. Hannover _Spielberichte (H.-Groundhopping) _Geschichte (H. Grüne/FW)

_SC Twistringen

1„Per Sattelschlepper ließ es der damalige Präsident Otto Höxtermann nach Hannover bringen, und es schützt bis heute die Arminenanhänger vor Wind und Wetter.“ (Vereinsseite, 30.05.2010)

2 Die Drittplatzierten der beiden Relegationsgruppen streiten sich im Entscheidungsspiel um den 20. und letzten Platz in der neuen Oberliga. „Grund ist der Aufstieg von Eintracht Braunschweig II und des TSV Havelse in die Regionalliga, daher wird noch ein Platz in der Oberliga Niedersachsen frei.“ (osnaball.de, 11.06.2010)

2 -4 0:4 0

1. 4 (6:3) SC Langenhagen (9. Oberliga West)

2. 4 (5:3) TuS Güldenstern Stade (10. Oberliga Ost)

3. 3 (1:2) Arminia Hannover (Bezirks-Oberliga-Meister Hann.)

4. 0 (0:4) FC Schüttorf 09 (Bezirks-Oberliga-Meister Wes.-Ems)

6 VfL Osnabrück II (10. Oberliga West)

4 SV Teutonia Uelzen (Bezirks-Oberliga-Meister Lüneburg)

1 MTV Wolfenbüttel (Bezirks-Oberliga-Meister Braunschweig)

0 SVG Göttingen (9. Oberliga Ost)

1. 4 (6:3) SC Langenhagen (9. Oberliga West)

2. 4 (5:3) TuS Güldenstern Stade (10. Oberliga Ost)

3. 3 (1:2) Arminia Hannover (Bezirks-Oberliga-Meister Hann.)

4. 0 (0:4) FC Schüttorf 09 (Bezirks-Oberliga-Meister Wes.-Ems)

6 VfL Osnabrück II (10. Oberliga West)

4 SV Teutonia Uelzen (Bezirks-Oberliga-Meister Lüneburg)

1 MTV Wolfenbüttel (Bezirks-Oberliga-Meister Braunschweig)

0 SVG Göttingen (9. Oberliga Ost)

Autor: H.Adam
Datum: Freitag, 4. Juni 2010 18:58 | Dieser Artikel wurde 1,856mal gelesen
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4 Kommentare

  1. 1

    Glückwunsch zum ersten Bericht! Weiter so!

  2. 2

    Well done! Hoffe auch, dass bei Gelegenheit noch mehr von Dir dazukommt!

  3. 3

    Danke für den Bericht und vor allem für die wunderbare Formulierung “gleichschenkliger Makel aus Mehlersatz”! YMMD!!

  4. 4

    Pfui. Das Toastbrot gibts noch in Hannover :-(