Sag niemals nie – Teigtaschen bei Camlica Genclik und eine bittere Niederlage

camlica-genclikEin Dienstagabend Mitte April. Viertelfinale im Hamburg-Pokal. Altona 93 muss beim Bezirksligisten Camlica Genclik antreten. Allein die Höhe des Sieges scheint heute offen zu sein, schließlich trennen die Teams zwei Spielklassen. Austragungsort ist die Wolfgang-Mayer-Sportanlage in Stellingen. Eine Handvoll fussballwurst.de-Experten ist bereits anwesend, als ich pünktlich zum Anpfiff am Grandplatz ankomme. Etwa 100 Altonaer unterstützen ihre Mannschaft – der Gastgeber bringt sicher noch einmal soviele Zuschauer mit. Und so wird zweisprachig angefeuert. “Camlica” ist ein Ostistanbuler Stadtteil und Genclik bedeutet “Jugend”. 2001 wurde der türkische Migrantensportverein unter dem Namen “Club-Camlica Jugendtreff” gegründet. Die Mannschaft belegt den vierten Platz in der Bezirksliga und kämpft heute von Anfang um die Sensation.

4519206488_a4037ec761Als nach zwanzig Minuten der Camlica-Goalie beim Freistoss seine Mauer schlecht positioniert, scheint es um den Underdog bereits  geschehen zu sein: Mario Jurkschat zirkelt den Ball zum 1:0 für den AFC ins Tor. Wenig später krümmt sich ein Camlica-Spieler am Boden, eine überaus leichte Touchierung durch einen AFC-Spieler war voraus gegangen. Schiedsrichterin Tanja Krause mahnt den am Spieß schreienden Akteur zur Raison, doch dieser will zuerst nicht auf die Spielleiterin hören, greift im nächsten Moment aber entscheidend ins Spielgeschehen ein indem er einen Angriff einleitet, der direkt zum Ausgleich führt. Die Altonaer Abwehrrecken passen nicht auf, weil diese sich wohl noch immer Sorgen um den bis gerade eben schwer verletzen Akteur von Camlica Genclik machen. Zu spät, es steht 1:1. Aber noch sind fast 70 Minuten zu spielen. Was soll also schon geschehen? Zeit, sich um die Verpflegung Gedanken zu machen, schließlich habe ich noch nichts zu Abend gegessen.

Getränkeseitig stehen Astra-Knollen und Becks-Flaschen zu 0,33 Liter bereit. Aus Sicherheitsgründen werden die Getränke in Plastikbecher umgeschüttet. Ich erinnere mich an die Geschichte, dass bei einem Pflichtspiel von Camlica Genlik im vergangenen Herbst ein Camlica-Spieler dem Schiedsrichter in die Hand gebissen hatte – erkenne aber keine Verbindung zur Sicherheitsmaßnahme, Glasflaschen in Plastikbecher zu befördern. Aber in Hamburg sind wir das ja auch von der Reeperbahn gewöhnt, denn dort herrscht von Freitagabend bis Sonntagmorgen bekanntlich inzwischen generelles Glasflaschenverbot. Mit zwei Euro je Behältnis sind die Getränke angemessen bepreist. Alkoholfreie Getränke werden nebenan bei der Essensausgabe angeboten.

Zur Verpflegung. Klassische Grillwurst ist natürlich eher nicht zu erwarten, umso gespannter bin ich auf die gebotene Verpflegung, die der türkische Migrantenverein zu bieten hat. Und das sei vorweggenommen: Wir wurden nicht enttäuscht. Neben der Getränkeversorgung ist ein Imbisswagen aufgebaut, in dem zwei nette Damen ihre Waren anpreisen. Kurz zuvor war die Stromversorgung ausgefallen, sodass den Gästen zu Beginn der Partie keine warmen Gerichte zur Verfügung stehen. Als wir uns nach den feilgebotenen Speisen erkundigen funktioniert jedoch alles wieder. Sofort ins Auge fallen die lecker aussehenden Teigtaschen in verschiedenen Größen, wahlweise mit Käse und Spinat oder mit Hackfleisch. Neben den frisch zubereiteten Gerichten steht auch eine angenehme Auswahl an Snacks, Süßigkeiten und Schokoriegelen zur Verfügung. Doch seht selbst, was für eine Vielfalt Camlica Genclik heute zu bieten hat:

Die Teigtasche riecht verdammt lecker und ist auch optisch bereits eine Augenweide. So kann ich nicht lange warten und muss den Kameramann davon abhalten, noch länger zu filmen. Nein, ich möchte jetzt endlich zubeissen. Und das tut gut und schmeckt gut. Der Spinat schmiegt sich lieblich um den heissen, flüssigen Schafskäse. Schwierig zu verorten, um welchen Schafskäsetyp es sich handelt, aber auch völig zweitrangig, da dieses Produkt begeistert, auch ohne Wurstanteil. Und die Hackfleischtasche werde ich ohnehin noch im Anschluss an Altonas Sieg probieren! Für die große Teigtasche ziehe ich 2,50 Euro aus der Geldbörse und bin pappsatt. Wer die Käsetaschen selbst einmal probieren (und den Käse erkennen) möchte, muss Donnerstag vormittags dem Fischmarkt einen Besuch abstatten. Denn dort steht der Camlica Genclik-Catering Wagen.

teigtascheMan mag es nicht glauben, aber unter unseren Stammlesern befinden sich auch Vegetarier – und die kommen heute endlich auf ihre Kosten. Bei allem Verständnis für diese Weltanschauung ist es mir jedoch nicht möglich, eine Bewertung vorzunehmen. Denn schließlich bleibt Wurst Wurst. Und Sternchen für eine Teigtasche würde ich niemals vergeben. NIEMALS? NIE!

Okay, würde ich für fussballteigtasche.de Berichte verfassen, so gäbe es eine respektable Bewertung im Bereich von vier Sternen und mehr. Aber liebe Leser, die Sachlage ist eindeutig, wir befinden uns auf fussballwurst.de. Ihr versteht bestimmt, dass eine Wurst-Wertung an dieser Stelle nicht erfolgen kann. Dennoch ein dickes Lob an Camlica Genclik für diese Bewirtung!

Gut gestärkt mache ich mich wieder in Richtung Grandplatz auf und erkenne eine Spielweise, die für Altona 93 im Hamburg-Pokal typisch ist. Der AFC macht das Spiel, aber kommt einfach nicht zu echten Chancen. Und so bleibt es bis zum Pausentee beim 1:1. In der zweiten Halbzeit verschärft sich die Situation aus der Sicht des Altonaer Fußball Clubs deutlich. Die Zuschauer ereilt allmählich der Eindruck, dass die Akteure nicht wissen, was der Pokal dem Verein zu bedeuten hat. Schließlich wird in der Liga nur um die goldene Ananas gespielt, da kein Verein in der Lage ist, in die nicht finanzierbare Regionalliga Nord aufzusteigen. Die einzige Perspektive – sowohl aus sportlicher als im Besonderen auch aus finanzieller Sicht – bietet der Pokal. Und der AFC wäre bei einem Sieg am heutigen Abend nur noch eine Runde vom Finale entfernt. Stattdessen gibt es kaum überzeugende Aktionen von Altona 93, einfallslos wird blind auf das Tor von Camlika gerannt. Die AFC-Fans werden immer nervöser, die Camlica-Anhänger wittern die Sensation. Es kommt wie es kommen muss, der Außenseiter macht in der 87. Minute das 2:1. Trotz fünf Minuten Nachspielzeit und zwei dicken Chancen (die natürlich sogar ICH reingemacht hätte), kommt es noch schlimmer. Camlica Genclik macht sogar noch das 3:1.

Um mich herum nur entsetzte Gesichter. Wie kann es sein, dass “wir” bei einem Bezirksligisten drei Gegentore einfangen und irgendwie völlig zurecht aus dem Pokal ausscheiden? Ich höre mehrmals den Satz “Jetzt ist die Saison gelaufen” während die Camlica-Anhänger ihre Mannschaft feiern. Ein bitterer Abend für alle AFC-Fans – es drängen sich Vergleiche zu der Vorjahresniederlage im Finale gegen den SC Concordia auf. Und so entscheidet jeder Altonaer für sich selbst, welche Niederlage denn nun bitterer ist. Egal wie die Entscheidung ausfällt, heute Abend geht bei vielen – zumindest – eine kleine Welt unter.

Auch ich habe den Appetit verloren – die Hackfleischtasche werde ich ein anderes Mal probieren. Vielleicht werde ich auch gleich Vegetarier? Vielleicht kehre ich dem Fußball meinen Rücken? Nach so einer Niederlage scheint alles und nichts möglich zu sein. Ausschließen sollte man zum jetzigen Zeitpunkt gar nichts mehr!

Links:

Bericht bei Sport Nord

Autor: F.Renz
Datum: Samstag, 17. April 2010 16:08 | Dieser Artikel wurde 1,601mal gelesen
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Camlica Genclik, Hamburg

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Bratwursttests, die diesem Artikel inhaltlich ähnlich sind:

2 Kommentare

  1. 1

    Was für eine unglaublich bittere Kiste. Mir ist die Lust am Fußball, zumindest für ganz kurze Zeit, vergangen.

    Aber das Catering war wirklich hervorragend, da gibt es nichts zu meckern.

  2. 2

    War auch mein schlimmstes AFC-Erlebnis. Aber sich deswegen gleich dem Sport abwenden, muss ja nicht sein.

    Der Verzehr bei Camlica ist wirklich lecker und wenn wir Fussballteigtasche.de schreiben würden, wären das für mich 4 Halbmonde gewesen.

    Generell ist auch noch anzumerken, dass die Migrationsvereine die einzig, kulinarische Bereicherung in Hamburger Fußball sind. Denn dort gibt es kein Industriebrät mit Toast.

Kommentar abgeben