Die Karli-Wurst beim SV Babelsberg 03

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Ein Besuch in Berlin ist immer eine schöne Sache. Das gilt umso mehr, wenn die Nachmittagsagenda die Punkte ‚Fußball‘ und ‚Wurst‘ aufweist. Also ging es am Ostersonntag um 14 Uhr nach Babelsberg zum SV 03, wo die Amateurmannschaft von Hansa Rostock gastierte. Im letzten Sommer war ich drauf und dran in Potsdam einen Studienplatz anzunehmen. Also wollte ich mir schon einmal anschauen, was ich seitdem so alles verpasst habe. Babelsberg und Hansa laufen in der Regionalliga Nord auf, wobei dem SV 03 der Aufstieg in die Dritte Liga kaum noch zu nehmen ist. Nach einer katastrophalen Hinrunde ist die Abstiegsgefahr für die Zweite von Hansa trotz einer beeindruckenden Hinrunde noch nicht gebannt.

Die Vereine der neuen Bundesländer wurden von fussballwurst.de bislang eher stiefmütterlich behandelt, was geändert werden sollte. Am Sonntagmittag ging es also per U- und S-Bahn über den Bahnhof Zoo gen Potsdam. Von der S-Bahnstation Babelsberg aus könnte man den Bus in Richtung Karl Liebknecht-Stadion nehmen. Da wir schon etwas spät dran sind und der Bus lange auf sich warten lässt, gehen wir die paar hundert Meter zum Stadion kurzerhand zu Fuß. Der Bus hätte uns zur Bushaltestation ‚Karl-Liebknecht-Stadion‘ gebracht, deren Umbenennung von ‚Semmelweisstraße‘ durch 03-Fans erst kürzlich erwirkt wurde. Bereits aus einiger Entfernung sind zwei der Flutlichtmasten des Stadions zu sehen, die den Ground zu einem Unikum machen. Das von den Fans liebevoll ‚Karli‘ genannte Stadion verfügt als einziges Stadion in Europa über Flutlichtmasten, die mit einem Scharnier in der Mitte einklappbar sind. Noch vor drei Jahren war die Zukunft des ‚Karli‘ alles andere als gewiss, es wurde mit Blick auf die Frauen-Fußball-WM (03 teilt sich das Stadion mit Turbine Potsdam) über einen Neubau nachgedacht. Nach der Ablehnung des Antrags als Austragungsort für die WM wurde ein Neubau jedoch verworfen. Die aktuellen Pläne sehen eine Renovierung vor, um das Stadion fit für die Dritte Bundesliga zu machen.

Einer der FlutlichtmastenDie Flutlichtmasten des Karli machten das Stadion Anfang des Jahrzehnts zu einem Politikum, das auch jetzt noch fortbesteht. Der Babelsberger Park wird zum UNESCO-Weltkulturerbe gezählt und daher von um das Weltkulturerbe besorgten Menschen beschützt. Dazu zählt anscheinend auch Dr. Detlef Karg, seines Zeichens oberster Denkmalschützer Brandenburgs. An ihn wurde nun von der Babelsberger Stadionzeitung (die übrigens durch gehaltvolle Beiträge, professionelle Gestaltung und wenig Werbung positiv auffällt) mit einem Augenzwinkern die Auszeichnung ‚Nulldreier des Monats‘ verliehen, da er anscheinend die deutliche Verkomplizierung der Flutlicht-Genehmigungsverlängerung zu seinen Meriten zählen kann. Die nicht nur aus Ingenieurssicht interessante Konstruktion wurde nötig, da die Sicht vom nahe gelegenen Flatowturm auf die Stadt von herkömmlichen Lichtmasten behindert würde. Leider konnten wir den Einsatz heute nicht live erleben. Mich würde mal interessieren, wie die Mechanik genau funktioniert. Immerhin hat die mutmaßliche Hydraulik keinen Hebel, um die Kräfte anzusetzen. Ein Gegengewicht ist auch nicht erkennbar. Die Debatte um die Illuminierung des Stadions wird inzwischen wohl von sarkastischen Beiträgen dominiert. So bittet die Stadionzeitung die Torwächter, hohe Abstöße zu vermeiden. Die Sichtachse auf das Weltkulturerbe könnte sonst durch den Ball beeinträchtigt werden. Ferner wurde vorgeschlagen, in den Boden versenkbare Masten zu installieren, wofür alte russische Raketensilos umgepflanzt werden könnten. Auch eine Beleuchtung durch einen im Orbit installierten Reflektor sowie der Bau eines komplett im Boden versenkbaren Stadions wurden in Erwägung gezogen. Grundsätzlich halte ich es für sehr fraglich, ob man sich von UNESO-Mitarbeitern die Stadtentwicklung (siehe auch Dresden) diktieren lassen sollte. Wünschen wir dem Verein einfach mal, dass ihm nicht noch weitere Steine in den Weg gelegt werden.

Nach einer sehr gründlichen Leibesvisitation betreten wir also das Stadion und postieren uns an der Grundlinie hinter dem Rostocker Tor. Die Babelsberger Stehplätze sind gut besetzt, insgesamt verfolgen gut 1.300 Zuschauer das Spiel. Die Auswertung des Bildmaterials ergibt, dass ungefähr 30 Mitglieder der Rostocker Fangemeinde den Weg nach Babelsberg gefunden haben. Diese machen sich durch „Alle 03er stinken“-Rufe und Hetze gegen St.Pauli zumindest nicht beliebter. In der ersten Halbzeitpause geschieht erst einnmal nicht viel, Langeweile macht sich breit. Mir bleibt keine nennenswerte Szene im Gedächtnis, über die ich hier berichten könnte.

Die Karli-WurstPünktlich zur Halbzeitpause stellt sich der Hunger ein, sodass etwas gegessen, bzw., wie der Ostwestfale sagt, gefährlich was gekoddert werden muss. Wir gehen also zum von langer Hand geplanten Wursttest über. Es gibt für die Stehplätze zwei Grillbuden, wobei wir die andere erst in der zweiten Halbzeit entdecken. Zwischen Eingangsbereich und Spielfeld wird die Bratwurst für zwei Euro angeboten (dasselbe gilt für den Stand hinter der Gegengerade), daneben gibt es frittierte Pomen für 1,50 Euro und ein Steak im Brötchen für 2,50 Euro. In einer massiven Pfanne werden zudem Kartoffelspalten und Hähnchennuggets für 3,50 Euro offeriert. Gegen das Angebotsspektrum ist also erstmal überhaupt nichts einzuwenden. Wir bestellen also zwei Wurst und am benachbarten Getränkewagen dazu zwei Alster. Das 0,4l-Alster für 2,50 Euro besteht aus dem Lokalbier Potsdamer Rex Pils und einem Sprite-Äquivalent der Marke Sinalco.

Die Wurst wird auf einem Gasgrill bereitet, ein klarer Malus gegenüber der Grillung über Kohle. Die Wurst ist gut durch und wird in einem mittig aufgeschnittenen Brötchen überreicht, was gefällt. Ketchup, Majo und Senf stehen zur Selbstbedienung in tiefen Tellern zur Verfügung und werden per Löffel auf die Wurst gestrichen. Das ist gut, da es kein Gesplonze mit der Senfflasche gibt. Es sollte nur niemand auf den Teller niesen oder sonstige Fremdkörper in den Senf befördern. Die Wurst vor der Halbzeitpause zu bestellen ist daher eine recht sichere Idee und spart auch wie üblich Zeit beim Anstehen. Dafür gibt es einen weiteren Grund: Die Wurst wird ‚auf Halde‘ gegrillt und auf einem großen Stapel gelagert. Besonders begeistert bin ich von dieser Praxis nicht, obwohl der Andrang in der Pause vielleicht nicht anders zu bewältigen ist. Frühes Bestellen sichert also eine frisch gegrillte Wurst. Beim Geschmack der Wurst gibt es nicht viel zu beanstanden, obwohl es sich anscheinend um industrielle Massenware handelt und der Prengel sich keinen Platz im Langzeitgedächtnis sichert. Das charakterlose, blasse Brötchen kann mich nicht überzeugen. An dieser Stelle besteht eindeutig Aufwärtspotenzial, da ein leckeres Brötchen durchaus als geschmacklicher Multiplikator dienen kann. Aber zumindest gibt es überhaupt ein Brötchen. Insgesamt haben wir es aber mit einer doch recht erfreulichen Regionalligawurst zu tun. Abzüge gibt es für das Grillen auf Vorrat, den Gasgrill und das schwache Brötchen. Ich denke, dass die Babelsberger Wurst mit 3,5 von 5 Sternen gerecht bewertet ist.

Die GegengeradeDie zweite Halbzeit hat etwas mehr zu bieten und bringt für beide Seite, hauptsächlich aber für die Babelsberger, einige Torchancen. Daniel Frahn, Torjäger von Babelsberg, bringt die Murmel zweimal im Rostocker Gehäuse unter und sorgt für den Endstand von 2:0. Der zweite, vorbildlich herausgespielte Treffer könnte wirklich einem Lehrbuch entstammen und wird auch meinerseits mit Beifall bedacht. Damit festigt Babelsberg die Dominanz in der Regionalliga Nord, während Hansa Rostock weiter um den Klassenerhalt bangen darf. Was niemanden wirklich stören dürfte. Frahn ist inzwischen einsamer Spitzenreiter der Torschützenliste. Fragt sich nur was geschieht, wenn der mal ausfällt oder den Verein wechselt…

Fazit der heutigen fussballwurst.de-Exkursion: Ein interessantes Stadion mit einer ungewöhnlichen Flutlichtanlage und eine gute Fußballwurst habe ich mir mit meinem Nichtumzug nach Potsdam bzw. Berlin auf jeden Fall entgehen lassen.

(3.5/5)

Links:

Spielbericht bei Potsdamer Neueste Nachrichten

Spielbericht bei der Märkischen Allgemeinen

Videozusammenfassung des Spiels

SV Babelsberg 03

Hansa Rostock II

Das Karl-Liebknecht-Stadion bei Wikipedia.de

Autor: M.Turski
Datum: Mittwoch, 7. April 2010 10:00 | Dieser Artikel wurde 2,052mal gelesen
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2 Kommentare

  1. 1

    Schön ist es bei Babelsberg 03.

    War in der letzten Saison mit Altona93 dort im Gästeblock und hat mir sehr gut gefallen. Leider wurde uns von Amtswegen der Kontakt mit Heimfans untersagt, da wir mit dem Fanbus angereist sind und eskortiert wurden. Damals gab’s aber noch keinen Wursthügel und die Bratwurst wurde mit Holzkohle verbrannt. Wenn ich mich richtig erinnere.

  2. 2

    Schöner Bericht…

    und ja…letztes Jahr war noch Holzkohle ;)

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