Eine Wurst, an der Onkel Ludwig seine Freude gehabt hätte (SV Darmstadt 98)

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Rückblick in die 80er Jahre: Deutschland ist geteilt, der HSV holt den Europapokal der Landesmeister, Bundesligafussball findet Samstags um 15:30 Uhr statt,  damals fuhr man noch Opel Kadett und Golf II,  das Fernsehprogramm ist frei von Casting-Shows. Stattdessen spielen Witta Pohl und Günther Strack dem ZDF-Publikum ein schönes heiles Stück Deutschland vor, Fußballfans tragen Kutten und Lederjacken, und die Polizei in figurbetonenden olivgrünen Overalls spielteRingelpietz mit Anfassen mit potenziellen Problemfans „Gewalttätern Sport“, Kategorie C.

Video starten, 10 Minuten Zeit nehmen, zurücklehnen und genießen!! Denn DA findet heute Abend der erste offizielle fussballwurst.de-Wursttest auf hessischem Boden statt!

DA findet heute Abend der erste offizielle fussballwurst.de-Wursttest auf hessischem Boden statt.

Mittwochabend, Viertelfinale im Hessenpokal 2010, Lilien gegen Löwen, Darmstadt 98 trifft auf Hessen Kassel. Ein Traditionsduell zwischen Nordhessen und Südhessen. Beide Vereine sind an gleicher Stelle bereits im Dezember 2009 aufeinander getroffen, im Punktspiel in der Regionalliga Süd. Nach 2:0 Halbzeitführung verlor Darmstadt am Ende noch 2:3, was zu Randalen auf dem Spielfeld führte. Da ist noch eine Rechnung offen.

Pokalspiel, Flutlicht, Tradition – hier geht es heute Abend aber mal so richtig um die Wurst!

Die Chronologie der Ereignisse:

18:30 Uhr – Stadion, vor dem Einlass

Mit Bahn, Tram und zu Fuß geht es von Frankfurt nach Darmstadt zum Böllenfalltorstadion. Vorbei an unzähligen Polizeibussen. Hochsicherheitsspiel, vor Spielbeginn sind bereits Gästefans in Gewahrsam genommen worden, die sich in einem nahe dem Stadion gelegenen Waldstück verstecken wollten… Zwischendurch erste Kontaktaufnahme mit Lilienfans. Nettes Fußballvölkchen: Nicht auf den Mund gefallen, die Hessen. Hoffentlich können wir den ein oder anderen neuen Leser für das Fussballwurst-Blog gewinnen: Herzlich willkommen und viel Spaß hier!!

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18:45 Uhr – Stadion, kurz vor Anpfiff

Stehplatzkarte besorgt (9 Euro), Stadionheft gegriffen (1 Euro), erste Bestandsaufnahme der stadioninternen Grillgutversorgungsinfrastruktur für Fans (feste Kioske und mobile Buden), dann  rein in die Südkurve zu den Darmstadt-Fans.  Schaut gut aus, das Stadion. Hier und da etwas baufällig, besonders viel Charme hat die große Gegentribüne, die als reine Stehtribüne konzipiert ist. Ca. 20.000 Zuschauer finden  wohl im „Bölle“ Platz, heute Abend beträgt die Auslastung in etwa 10%.  Das Blutspendezentrum Darmstadt ist “Sponsor of the Day”. Über die Lautsprecheranlage die Durchsage, dass zur Sicherheit der Fans alle Blöcke ab sofort mit Kameras überwacht werden. Ich fühle mich sicher. Dann kann´s ja losgehen!

19:00 Uhr – Stadion, Erste Halbzeit

Anpfiff, Blau gegen Schwarz-Weiß. Bei Kassel steht der Ex-Kieler Dennis Tornieporth in der Startelf. Stimmung ist erst einmal: Mau. Darmstädter Fans boykottieren den Support aufgrund von vereinsseitig auferlegten Kollektivstrafen bis zum Saisonende: Keine Trommeln, keine Megaphone, keine Fahnenstangen. Der Boykott ist nachvollziehbar, trotzdem schade. Ein wenig mehr Stimmung hätte dem Pokalfight auf dem Rasen bestimmt gut zu Gesicht gestanden. Im Fanblock heute nur ein Banner: „Hier könnte eure Stimmung sein“.

19:21 Uhr – Stadion, erstes Highlight

Kassel trifft zum 0:1. Vorher gab´s allerdings ein Handspiel, der Schiedsrichter lässt die Szene weiterlaufen. Von Darmstadt kommt erst mal nix mehr. Von Kassel aber auch nicht. Zwei Auswechslungen noch vor der Halbzeitpause, je eine auf beiden Seiten.

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19:45 Uhr – Stadion, Wurstpause

Halbzeit. Hunger. Durst. Wurst! Hier passt fast alles, Zubereitung, Preis, Geschmack, Qualität, Präsentation. Zubereitet wird das leckere Grillgut auf einer gasbetriebenen Grillplatte, vom freundlichen Fachpersonal auf der Wurstwelle serviert im frischen Brötchen, Bräunungsgrad nach Geschmack  wählbar, Senf gibt´s aus dem großen Spender. Im Angebot sind neben Schnitzel- und Frikadellenbrötchen Brat-, Ross- und Zigeunerwurst. Jeweils 2,50 Euro, na ja, ok. Manko: Die Wurst ist einen Hauch zu fettig, und woanders haben wir auch schon größere Portionen serviert bekommen. Alles in allem aber: Lecker! 4,5 Sterne! Neben den üblichen Getränken (Bier der Marke „Pfungstädter“, Kaltgetränke, Kaffee) wird zudem Äppelwoi ausgeschenkt. Aber nicht an mich. Trau mich nicht. Satt und zufrieden geht es auch so zurück in den Block.

(4.5/5)

20:00 Uhr – Stadion, Wiederanpfiff

Weiter geht´s.

20:15 Uhr – Stadion, Zweite Halbzeit

Das Spiel läuft so vor sich hin. Hier und da ein wenig Support. Die Fans aus Kassel behaupten erst, sie würden nach Berlin fahren, dann landet eine außerhalb des Stadions abgeschossene Leuchtrakete auf dem Platz. Kurze Aufregung, der Blutspendedienst wird zusammen mit der hessischen Polizei in Alarmbereitschaft versetzt. Situation beruhigt sich wieder.

20:25 Uhr – Stadion, nächstes Highlight

TOOOR! Der Ausgleich nach einer Standardsituation! 1:1, Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die Stimmung dreht, Zuversicht macht sich bei den Heimfans breit. Viel passiert dann aber nicht mehr.

20:50 Uhr – Stadion, Abpfiff reguläre Spielzeit

Es geht in die Verlängerung. Langsam werden die Füße kalt und die Zuschauer ungeduldig: Parallel läuft doch Barca gegen Stuttgart, was man eigentlich im Fernsehen sehen wollte. Was für ein Dilemma: Lilien oder Messi?

21:00 Uhr – Stadion, Verlängerung, Teil 1

Mittelfeldgeplänkel. Langweilig!

21:15 Uhr – Stadion, Verlängerung, Teil 2

Das Spiel nimmt nochmal Fahrt auf. Die Lilien scheinen konditionelle Vorteile zu haben. Und dann: Nach einer Ecke fällt das 2:1! Mit der Führung im Rücken in den letzten zehn Spielminuten alles im Griff, das wirkt ballsicher und abgeklärt. Die Füße sind kalt, alle freuen sich, geht wohl bald nach Hause (zweite Hälfte Barca-Stuttgart!)

21:25 Uhr – Stadion, Ende der Verlängerung

Überflüssiges Foul des kurz zuvor eingewechselten zusätzlichen Abwehrspielers. Freistoß, 25 Meter vor dem Darmstädter Tor, zentrale Position.  Raunen im Block: Der wird doch wohl nicht…? Kurzer Anlauf, unten rechts drin das Ding, 2:2. Darmstadt geht hier durch ein Wechselbad der Gefühle. Elfmeterschießen.

21:40 Uhr – Stadion, Elfmeterschießen

Der Torwart der Heimmannschaft heißt Adolf mit Nachnamen, er wird noch einmal kräftig angefeuert. Dann geht’s los: 1:0 Darmstadt, Kassel verschießt, Darmstadt verschießt, 1:1, 2:1, 2:2, Darmstadt verschießt, 2:3, 3:3, 3:4, Schluss, aus, vorbei. Fußball ist brutal. Kassel zieht ins hessische Pokalhalbfinale ein, mit guten Chancen zur Teilnahme am DFB-Pokal. Ich verlasse das Stadion, werfe noch kurz einen Blick zurück in den flutlichterstrahlten Himmel über dem Böllenfalltor. Danke, Lilien, für einen spannenden Fußballabend in Hessen! Wir kommen gerne wieder!

Links:

FR-Blog: http://lilien.frblog.de/

Darmstadt 98: http://www.sv98.de/

Hessen Kassel: http://www.hessen-kassel.de

Autor: H.Peters
Datum: Samstag, 20. März 2010 13:17 | Dieser Artikel wurde 2,796mal gelesen
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7 Kommentare

  1. 1

    Oh, man war schön in den Achtzigern und der deutsche Amateurmeister wurde auch noch ausgespielt.

    Hooligans, waren Rowdies.
    Man ging ins Stadion und nicht in Arenen.
    Dort gab es Ehrengäste und keine VIPs. Ultras waren auch noch nicht erfunden und die Anfeuerungsrufe entwickelten sich spontan.

    Aber 4,5 Sterne für Wurst vom Gasgrill. Die Muss ja echt perfekt gewesen sein.

  2. 2

    Fern ab der Heimat hat Haui mal wieder die Spürnase für das richtige Spiel bewiesen. Liegt das Stadion wirklich so im Wohngebiet wie das ZDF es suggerieren will? Und was ist denn jetzt mit dem Bullen passiert? Das Video hörte plötzlich auf als es spannend wurde ;-) …
    Schöner Bericht!

  3. 3

    @S.Beyer:
    hier geht’s weiter (Onkel Ludwig als knallharter Verhörspezialist):
    http://www.youtube.com/watch?v=p_UyI23w-rY&feature=related

    @M.Dittmann:
    Onkel Ludwig spricht im späteren Telefonat mit Tommi von “Rockern” und nicht von “Rowdies”

    @Haui:
    Top-Bericht!

  4. 4

    Stadion grenz auf einer Seite an den Wald, auf der anderen tatsächlich direkt an ein Wohngebiet.

    Netter Bericht!

    Gruß aus DA

  5. 5

    Achja, das Böllenfalltor. Wollte ich schon ewig mal hin! Nach Deinem Bericht habe ich noch mehr Lust! Liest sich nach RICHTIGEM Fußball!

  6. 6

    Toller Bericht! Ein Stadion, was ich immer noch besuchen möchte und wohl auch muss. Leider fiel das Spiel gegen Nürnberg II dieses Jahr aus, als wir dem Böllenfalltor die Ehre erweisen wollten.
    Chris stirbt leider…und Onkel Ludwig isst glaube ich alles…

  7. 7

    Die Lilien waren schon in den 80ern zukunftsweisend. Genial waren die direkten Freistöße mit drei anlaufenden Schützen. Aber noch besser, im obigen Bericht wurde damals schon der Euro als Bezahlwährung für die Wurst aktzeptiert. RESPEKT!

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