Die VIP Wurst beim Hamburger SV

hsvMal wieder ein Bericht aus dem Volkspark. Leider nicht weil wir glauben die Wurst sei dort unterdessen besser geworden. Diesmal waren wir eingeladen, die Perspektive zu wechseln und beim Spiel HSV gegen VfB Stuttgart eine Loge zu besuchen. Keine Panik, kein Wurstmulti nimmt uns ernst genug, um auf diesem Wege gnädigere Urteile für die Industriewurst zu erwirken. Auch der HSV hat nach dem letzten Wursttest nicht die Initiative zur Wiedergutmachung ergriffen. Die Einladung erfolgte aus einem ganz anderen Grund, der nichts mit fussballwurst.de zu tun hat. Die perfekte Gelegenheit also um mit gewohnter Neutralität der spannenden Frage nachzugehen: Gibt es Wurst hinter der Glasscheibe? Wenn ja, wie schmeckt die?

Nun ist so ein Logenbesuch ja gar nicht nicht so leicht wie man sich das vorstellt. Schon beim Öffnen des Umschlags mit der Einladung fällt einem das erste Problem quasi vor die Füße: Ein Parkausweis für den Parkplatz direkt vorm Stadion. Nicht am Stadion – nein direkt davor! Da hat man einmal im Leben die Gelegenheit, zwischen Uwes Opel (hat der einen?) und dem Mannschaftsbus zu parken und ist gleichzeitig zu Freibier ohne drängeln eingeladen. Ich muss ja nicht sagen wie wir uns entschieden haben. Am Spieltag dann steht man direkt vor der nächsten Entscheidung: Was soll man in der Loge anziehen? Ich will jetzt nicht über Anzüge, Krawatten oder Schuhe schreiben (es ist schließlich immer noch ein Fussballstadion und wir arbeiten nicht fürs Pay-TV) sondern über die schlichte Frage: Mit Trikot oder ohne? Und was ist mit Schal? Wir entscheiden uns für zivil und ernten den Spott der Nicht-Privilegierten – zu Recht natürlich!

Dann aber auf zum Stadion und rein ins Vergnügen. Den VIP-Bereich in Hamburg betritt man durch eine leicht verspiegelte Drehtür. Dahinter erwarten einen unzählige nette Damen die einen, konzentriert auf den Namen des Stadionsponsors achtend, begrüßen und die Karte gegen ein Stoffbändchen tauschen. Anschließend kann man sich zwischen unzähligen Buffets und Bars rumtreiben, die anderen Bändchenträger beobachten und hoffen, einen HSV- Veteranen zu entdecken. Wir sehen keinen, wir sehen noch nicht mal die Tür in der sich die Loge befindet in der wir erwartet werden. Aber dafür sind ja die Mädels in den blauen Kostümchen da: „Wir suchen Loge XY“ – „ Das ist oben“ – „Ach hier gibt‘s zwei Etagen?“ – „Sind Sie zum ersten Mal hier?“ – „Sieht man das?“ … Wir gehen die Treppe hoch – auch keine Promis aber noch mehr Buffets, Bars und Bändchenträger. Ein bisschen wuselig und gar nicht mal so gediegen wie man denkt – da ist es in der Loge schon deutlich angenehmer.

Dort angekommen wird erstmal ein Bierchen zur Beruhigung gereicht. Ist zwar ein kleines, aber jetzt nach „nem Halben“ zu fragen ist vielleicht nicht so angebracht. Bei der anschließenden Begrüßung wird dann gleich ein Geheimnis gelüftet: In der Halbzeit gibt‘s Wurst – super! Mit dieser Erkenntnis und mit dem zweiten Bierchen kann man sich dann ganz entspannt der Berieselung der Gastgeber hingeben. Vorm Spiel gibt‘s noch einen kleinen Snack: Schweinefilet, irgendwas mit Fisch und Käseplatte. Lecker, aber natürlich außer Konkurrenz. Nachdem wir das dritte Bier bestellt haben, stellt sich die Kellnerin langsam auf unser Tempo ein und fängt sogar an, ungefragt Nachschub zu holen. Wohlfühlstimmung macht sich breit. Während das Stadion und unsere Bäuche sich langsam füllen, dämmert uns bei allen Annehmlichkeiten allerdings der Nachteil des Logendaseins: Unten singt sich die Kurve langsam ein, der nette Vertriebler erklärt, dass gleich ein gewisser Lotto King Karl auch noch was singt und ich erkläre ihm dass ich sonst auch „da unten“ stehe. Als er das für einen Scherz hält ist dann klar: Mit dem was wir am Fussball lieben hat das hier nicht viel zu tun. Aber das ist ja vielleicht auch gar nicht der Anspruch. Also weg mit dem Gedanken, da kommt auch schon das nächste Bier, gleich ist Anstoß und das heute Spitzenspiel ist, kommt sogar hier oben an.

Das Spiel hält dann auch, was der Name verspricht. Die Gäste spielen munter mit, kommen zu vielen Chancen. Nach einer halben Stunde allerdings bringt Petric den HSV mit einem Traumtor aus 25 Metern auf die Siegerstraße. Nach aufregender erster Halbzeit geht es dann endlich zum Wursttest. Über Wartezeiten kann ich hier nicht berichten. Die Wurst steht fertig gegrillt und fein angerichtet auf dem Buffet. Daneben Currywurst in Porzelanschalen. Das sieht nett aus, aber wenn man vor dem Spiel Schweinefilets mit Pesto füllen kann, warum kann man dann nicht in der Halbzeit für acht Leute mal eben ne frische Wurst grillen? Bei näherer Betrachtung stellt sich dann heraus, dass es sich um genau die Wurst handelt die es auch auf der anderen Seite der Glasscheibe gibt. Nur ohne das Sägemehlbrot. Insofern kann ich nur auf die Bewertung vom letzten Mal verweisen und 2 von 5  Sternen vergeben. Der Vorteil, nicht anstehen zu müssen, wird leider durch den Zwang zu Teller und Besteck und die komische Atmosphäre wieder aufgehoben. Die Currywurst ist keine Currywurst sondern ungegrillte Wiener mit lauwarmem Ketchup. Keine Wertung.

(2/5)

Nach diesem Wurstdesaster bleibt immerhin genug Zeit, die Pause zu nutzen und sich noch mal umzuschauen. Wieder keine Promis – wo sind die nur? Zurück zur zweiten Halbzeit. Der HSV kommt besser aus der Kabine, macht das Spiel und bald auch das zweite Tor. Der VfB macht es durch den Anschlusstreffer noch mal sehr spannend, bis dann Ze Roberto endlich kurz vor Schluss das erlösende 3:1 markiert.

Ein schönes Spiel und eigentlich auch ein schöner Abend gehen zu Ende. Ein Fazit? Stehplatz-Fußball und VIP-Fußball sind zwei komplett unterschiedliche Welten, die nichts gemeinsam haben außer die Wurst – leider. Aber danke fürs Bier!

Vip-Wurst

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Autor: S.Beyer
Datum: Samstag, 24. Oktober 2009 13:42 | Dieser Artikel wurde 1,381mal gelesen
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6 Kommentare

  1. 1

    Ausgefeilter Bericht.

    Wie, es gibt fast das gleiche Essen wie auf den Stehplätzen?

    Gibt´s denn wenigstens Sauerkraut und Schwarzbrot zur Bratwurst?

  2. 2

    gefällt mir auch gut. ich habe auch nie vermutet, dass man auf der anderen seite der glasscheibe besseren fußball sieht. aber die bier-flatrate ist natürlich super.

  3. 3

    Wieder was gelernt: Bei der Wurst gibt es keine “Zwei-Klassen-Gesellchaft”, da macht der “Caterer” keine Unterschiede. :-)

    Schöner Bericht, zu dem ich eine Frage habe: Gibt es beim HSV keine Möglichkeit, sich vor die Loge zu setzen oder zu stellen?

  4. 4

    Schönes Ding… Die Fussballwurst auf dem Porzellantellerchen macht echt was her! Hast du denn im Gegenzug deinen Gastgeber mal zum Besuch in die Nordkurve eingeladen?

  5. 5

    Der lang erwartete Bericht. Wir haben Dich (und Deine Dauerkarte – er besitzt wirklich eine!) auf der Nordtribüne würdig und laut vertreten.
    Bis auf die Bier-Flatrate möchte ich aber ungern tauschen! Bleibt nur die Frage, wie der versammelte Kuchenblock auf Euch biertrinkende Krawallmacher reagiert hat!?

  6. 6

    Da hat wohl der Sicherheitsdienst geschlampt. Der Porzellanteller taugt als Wurfgeschoß und mit der Gabel kann man nicht nur die Bratwurst aufspießen.

    Da bin ich doch lieber unten. Dort fühl ich mich sicher.

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