Champions-Wurst in der Allianz-Arena beim FC Bayern München

fcbayernEnde September 2009: In München ist Oktoberfest, und eine alte Dame ist zu Gast!! Kurzfristig konnten ein Kollege und ich noch Karten für das Champions League-Gruppenspiel zwischen dem FC Bayern München und Juventus Turin ergattern. Eine wunderbare Gelegenheit, um die Bratwurstqualität in der höchsten europäischen Spielklasse zu testen.

Bayern gegen Juve – Rekordmeister gegen Rekordmeister. Der Gast aus Turin hat nach dem Zwangsabstieg in die Serie B vor ein paar Jahren inzwischen wieder im nationalen und internationalen Spitzenfußball Fuß gefasst und sich vor der aktuellen Saison insbesondere mit den brasilianischen Spielern Felipe Melo und Diego im Mittelfeld verstärkt. Der ehemalige Hamburger und Münchner Spieler „Brazzo“ Salihamidzic ist heute Abend leider verletzt, so dass ein Wiedersehen mit ehemaligen Münchner Teamkollegen auf dem Rasen leider ausfällt. Auch der Italiener in Reihen des FCB, seit kurzem neuer Star der 3. Liga, darf heute nicht auf dem Rasen gegen seine Landsleute aktiv werden, sondern wurde vom Trainer auf die Tribüne der Arena verbannt.

Während München mit einem 3:0-Pflichtsieg in die laufende Champions League-Saison gestartet ist, trennte sich Juve von Bordeaux am ersten Spieltag 1:1. Bayern könnte sich mit einem weiteren Sieg an der Tabellenspitze festbeißen und die Italiener schon im zweiten Gruppenspiel bezüglich des möglichen Weiterkommens ins Achtelfinale unter Druck setzen. Außerdem geht es bei dem Duell Deutschland gegen Italien ja auch um wichtige Punkte in der UEFA-Fünfjahreswertung und einen möglichen vierten Champions League-Startplatz für einen Bundesligisten. In München scheint heute Abend zudem die Sonne – alles spricht für einen großen Fußballabend!

Zum Stadion: Die Allianz-Arena in München-Fröttmaning wurde 2005 als reines Fußballstadion eröffnet, seit Mai 2005 finden dort die Heimspiele des FC Bayern München sowie des TSV 1860 München statt. Außerdem war die Allianz-Arena Spielort bei der WM 2006, u.a. fanden hier das Eröffnungsspiel Deutschland-Costa Rica und auch das Achtelfinalspiel zwischen Deutschland und Schweden statt. Natürlich ist für jeden Fußballfan das Stadion seines Lieblingsvereins ganz subjektiv die schönste Spielstätte der Welt – in meinem Fall der Volkspark in Hamburg, daran ist nichts zu rütteln. Aber mal ganz objektiv betrachtet: Boah, die Allianz-Arena ist schon schick!! Beeindruckend ist insbesondere die bereits vom U-Bahnhof aus der Ferne wie ein Schlauchboot wirkende Außenfassade aus über 2.500 rautenförmigen Kissen. Außen vor dem Stadion dann erste Begegnungen mit neuem Fußballdeutsch in München: Aus „Kartenkasse“ wird dann schnell mal „Kassencanyon in der Esplanade“ – gruselig! Fix durch die Sicherheitskontrollen und rein in die Arena: Hier gibt es ziemlich steile Sitzplatztribünen auf drei Rängen verteilt, mit tollem barrierefreien Blick auf den Rasen. Heute Abend fasst die Arena 66.000 Gäste und ist restlos ausverkauft. In der Südkurve sitzt und steht der harte Kern von Sympathisanten des FCB und macht insbesondere zu Spielbeginn ganz gute Stimmung.

Im Bericht über die Wurst bei Curslack-Neuengamme wurde ja bereits berichtet, dass die Fans von Altona 93 bei Auswärtsspielen seit der letzten Saison gerne das Auswärtszelten zelebrieren. Auch ein Großteil der angereisten Italiener hat die Zeit vor dem Anpfiff in Zelten verbracht – allerdings in den Festzelten auf dem Oktoberfest, und so ist die Stimmung im Stadion schon stark biergeschwängert… Die Juve-Fans verteilen sich überwiegend in der Nordkurve in der Ecke zur Westtribüne. Wir sitzen auf der Osttribüne im Unterrang und genießen die Aussicht auf die VIP-Tribünen an der Westtribüne sowie das „Drumherum“, das zum Champions League-Vorprogramm gehört. Zunächst eine ausgiebige Platzbegehung durch hochrangige UEFA-Vertreter in einheitlichen Anzug-Uniformen, dann das Abspielen der CL-Hymne, Kinder und Jugendliche die im Mittelkreis die CL-Fahne schwenken… Alles folgt einem straffen Zeitplan. Ich vermute mal, dass die UEFA den Spielern sogar vorgibt, wer wann vor Anpfiff wie lange und vor allem wo pinkeln darf und wie die Schnürsenkel der Buffer ganz besonders werbewirksam zu schnüren sind. Um 20:45 Uhr erfolgt dann pünktlich der Anstoß einer flotten CL-Partie, in der Bayern sich einige Großchancen erarbeiten kann. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Arjen Robben noch in der ersten Halbzeit verliert Bayern zusehend die Linie im Spiel, und schon Mitte der zweiten Halbzeit ist irgendwie zu spüren, dass hier heute Abend kein Tor mehr fallen wird. So trennen sich schließlich beide Mannschaften torlos.

Der Wursttest, den wir aufgrund von Hunger bereits vor dem Anpfiff durchführen, findet statt an einem Kiosk in der Nähe unseres Blocks. Insgesamt 28 Kioske stehen hier zur Versorgung der Besucher zur Verfügung. Zusätzlich zum Kiosk-Catering wird in der Arena ein A-la-Carte-Fanrestaurant betrieben, wie es sich inzwischen für einen modernen Stadionneubau gehört. Außerdem gibt es in der Nord- und Südkurve jeweils einen Fantreff mit unterschiedlicher Bierversorgung (Hacker-Pschorr für die Blauen, Paulaner für die Roten).

Erstes Hindernis für unseren Test: Bargeld wird nicht mehr akzeptiert, man braucht eine „ArenaCard“, die aufgeladen und dann an den Kiosken eingesetzt werden kann. Auch wenn ich ein Faible für kartenbasierte Zahlungssysteme habe und das System für Heimfans und regelmäßige Stadionbesucher mit Sicherheit eine tolle Lösung ist: Gäste, die nur selten in die Allianz-Arena kommen, bleiben dann doch trotz vorhandener Guthabenauszahlautomaten mit laangen Schlangen nach Spielschluss auf ihrem jeweiligen Restguthaben sitzen. Was der FCB mit dem Guthaben wohl anstellt? Eine Heizdecke für Luca Toni kaufen? Tja, das ist halt der Nachteil von geschlossenen Bezahlsystemen. Offene Systeme (z.B. in Leverkusen, siehe http://www.bayer04.de/b04/de/_site_index.aspx) sind da in meinen Augen etwas kundenfreundlicher. Vielleicht ergibt sich ja für die fussballwurst.de-Crew mal die Gelegenheit, beim kommenden Vizemeister in Leverkusen Bratwurst und Bezahlsystem zu testen und die Erfahrungen mit dem System hier zu dokumentieren. Na ja, da muss der hungrige Wursttester in München vor dem Test eben mal ein paar Euronen bei den ArenaCard-Verkäufern investieren und darf dafür eine ArenaCard als Souvenir mit nach Hause nehmen, ist doch auch was. Leider ist das Motiv auf der ArenaCard schlichtweg langweilig – da hätte ich von der FCB-Marketingabteilung irgendwie mehr erwartet…

Die Schlange vorm Kiosk ist vor Anpfiff noch überschaubar. Um alle dargereichten Speisen aufzuzählen reicht mein Kurzzeitgedächtnis leider nicht, es gibt aber so ziemlich alles, was das Fanherz begehrt: Wurst, Pizza, Pommes, Sandwiches, Kaffee, Kuchen, Bier, Kaltgetränke,… Irgendwo in den Tiefen der Allianz-Arena gibt es bestimmt auch Champagner, Kaviarhäppchen und Sushi. Wir entscheiden uns im Test für die Kombination Thüringer Bratwurst und Bier. Am Kiosk zeigt sich der Vorteil des kartengestützten Systems ganz deutlich: Der Zahlvorgang wird aufgrund von Wegfall der Wechselgeldrückgabe deutlich reduziert, und es geht schnell zur Sache. Die Wurst – angeboten werden rote und weiße Bratwurst sowie irgendwas mit Chili-Geschmack – kostet pro Stück 3,50 Euro. Das Bier – heute gibt’s alkoholfreies Heineken, offizieller Partner der Champions League – wird vom Fass in den 0,5 l-Einwegbecher abgefüllt und kostet stolze 4 Euro pro Becher. 15 Euro von unseren 20 Euro auf der ArenaCard sind also schon mal weg. Das Fachpersonal arbeitet zügig und ist dabei äußerst freundlich. Vorne wird die Bestellung entgegengenommen und kassiert, im Hintergrund werden die Speisen (mutmaßlich auf dem Gasgrill) zubereitet auf zahlreichen „Wurstrutschen“, wie man sie in ähnlicher Form auch aus Fast Food-Restaurants kennt, dem Verkaufspersonal zur Verfügung gestellt. Dieses Vorgehen ist zeitoptimiert, der Kunde hat aber natürlich wenig Einfluss auf die Wahl des gewünschten Bräunungsgrades.

Die Wurst wird uns überreicht in einer Semmel, gebettet auf einem Stück Pseudo-Serviette. Markensenf und -ketchup stehen in Spendern zur Verfügung. Wir greifen selbstverständlich zum Senfspender und genießen dann die Wurst. Diese ist optisch etwas blass geraten, schmeckt aber einigermaßen, obwohl ich grundsätzlich auf mehr „Röstaromen“ stehe. Das dargereichte Brötchen ist weniger pappig, als ich es zunächst erwartet hätte, aber: Vom Hocker haut das Brot-Wurst-Ensemble mich nicht. Industrielle Einheitswurst eben, trotz Wurstmagnats in der Führungsebene des Vereins. Insgesamt bekommt die Wurst daher auch nur 2,5 Sterne verliehen. Positiv in die Bewertung ist dabei der freundliche Umgangston der Damen am Kiosk eingeflossen. Die industriell geprägte massenversorgungskompatible Gesamtatmosphäre am Kiosk ist zwar nicht so schön wie die charmante volksnahe Versorgung der Grillgutfetischisten in der Wurstbude auf dem Dorfplatz, einen Punktabzug gibt es dafür aber nicht, denn in CL-Dimensionen mit über 66.000 Zuschauern geht das natürlich gar nicht anders.

(2.5/5)

Der gewünschte ganz große Fußballabend in München konnte die in ihn gesteckten Erwartungen nur teilweise erfüllen. Denn genau wie im Angriffsspiel der Bayern in der zweiten Halbzeit hat auch beim Wursttest das „Überraschungsmoment“ gefehlt. Daher schneidet die Wurst so ab, wie der FCB derzeit auch in der Bundesligatabelle steht: Im Mittelfeld… Das Restguthaben der ArenaCard wurde dann noch zumindest teilweise in einen Pott Cola investiert, somit stehen dem FCB von unserer Seite noch 1,20 Euro für weitere Großinvestitionen zu Verfügung. Vielleicht geht da noch was zur Winterpause??

Autor: H.Peters
Datum: Montag, 5. Oktober 2009 16:46 | Dieser Artikel wurde 11,116mal gelesen
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5 Kommentare

  1. 1

    Erstklassiger Testbericht, insbesondere für das Lektorat. Da bin ich froh, dass es im Volksparkstadion noch ohne “Uwe Seeler-Card” zugeht. Die Wurst ist dort allerdings auch nicht besser.

  2. 2

    Kein bayrisches Bier. Eine Schande.
    Den Israelis wurde in der Europaliga noch alkoholfreies Holsten serviert. Denke mal aber der Geschmack ähnlich ist. Aber es war ja Oktoberfest, wo dem Gast aus Italien ausreichend Gerstensaft feilgeboten wurde

    Übrigens. Den Bayern-Fans, aus meinen Dorf gefällt das Stadion im Volkspark Altona besser als das eigene Schlauchboot.

  3. 3

    Und nicht mal Wurst-Ulis eigene Produktion kann dort verköstigt werden? Oder habe ich das falsch verstanden!??

    Zum Stadion: Ich habe zwar keinen Vergleich in München, aber ich fühle mich in unserem Wohnzimmer schon recht wohl!

  4. 4

    Habe von einen unserer Leser eine Email bekommen, der über Arena One erfragt hat, welche Bratwürste im Münchner Schlauchboot genutzt werden.

    Sie kommen von Fa Siegner Fleisch & Partner. Eigentlich hätte ich auf Howe getippt. So kann man sich irren.

  5. 5

    Ich war im Dezember mit Hertha in der Allianz-Arena bei der Freiwurst-Aktion und ein paar freundliche Münchener haben uns, wahrscheinlich aus Mitleid, ein paar Wurstcoupons geschenkt.

    Die an dem Tag angebotene Wurst war jedoch eine rote und deutlich länger als diese die auf dem Bild zu sehen ist. War das bei dem Test im Fall der roten auch der Fall oder haben wir irgendwelche spezielle HoWe Würstchen bekommen? Würde mich mal interessieren, ich fand die nämlich ziemlich lecker ;D

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