Die Vorstadtwurst in Unterhaching

spvggunterhachingDienstag, 01.09.2009, Wursttest an einer historischen Stelle der jüngeren Bundesliga-Geschichte: In Unterhaching vergeigte der begnadete einzige deutsche Weltstar Michael Ballack mit seinem legendären Eigentor am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999/2000 die Meisterschaft von Bayer Leverkusen. Am Ende lachte Bayern München, Calli weinte und die Ballerina wurde nicht das letzte Mal Zweite.

Auf jeden Fall scheint die SpVgg Unterhaching aber mit dem Vermasseln der Leverkusener Meisterschaft seine vom Fußballgott gestellte Aufgabe in der obersten deutschen Spielklasse erfüllt zu haben, denn danach ging es doch stetig bergab mit den Hachingern. Heute spielt die Mannschaft mit dem Bob im Vereinswappen in der 3. Liga, und zu Gast ist eine Mannschaft aus dem hohen Norden: Hurra, Holstein Kiel ist da! Es steht also das Saisonspiel in der 3. Liga mit der weitesten Distanz zwischen Heim- und Gastmannschaft an. Für mich ist das ein Argument, die Arbeit früher niederzulegen und mich bei strahlendem Sonnenschein mit U- und S-Bahn auf den Weg in die Münchener Vorstadt zu machen.

An der Haltestelle „Fasanenpark“  angekommen, sehen wir erstmal: Nix. Das Stadion irgendwo in weiter Ferne, es folgt ein Fußmarsch entlang den Gleisen durch die Münchener Vorstadtpampa, irgendwann geht es links ab durch einen Tunnel unter den S-Bahn-Gleisen und endlich ist der Generali-Sportpark erreicht. Etwa 15.000 Zuschauer passen in das aus mehreren Modulen (inklusive Gaststätte in der Südtribüne, Biergarten im Außenbereich, VIP-Center hinter der Nordtribüne…) liebevoll zusammengesetzt wirkende Stadion, in dem tatsächlich mal Erstligafußball gespielt wurde. Heute Abend sind außer dem Vertriebsvorstand der Generali Versicherungen (dieser wird vom Stadionsprecher zu Beginn der ersten Halbzeit namentlich begrüßt, und alle klatschen brav mit) weitere 3.099 Zuschauer anwesend, davon mindestens 50 Gäste aus Kiel. Diese werden vom Stadionsprecher zwar nicht namentlich begrüßt, hätten dies für eine Anreise von mehr als 900 km unter der Woche aber durchaus verdient gehabt!! Ich wähle für faire 9 Euro Eintrittspreis eine Karte für den Gästeblock, studiere kurz das Stadionheftchen (kostet 1 Euro und ist nicht wirklich informativ…) und merke kurz darauf was es heißt, sich im deutschen Beinahe-Profifußball in den Gästeblock zu stellen: Im Ausschank ist hier heute nur alkoholfreies Bier, während der Rest des Stadions sowohl an den Verkaufskiosken, als auch im angrenzenden Biergarten hinter der stadioneigenen Gastwirtschaft mit Vollbier der Marke „Löwenbräu“ verköstigt wird. Über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme kann man durchaus streiten. Der halbe Liter „Löwenbräu ohne“, den ich mir dann aufgrund der Außentemperatur von gefühlten 30 °C noch kurzem Zögern doch noch gönne, kostet 3 Euro und wird im umweltfreundlichen Pfandbecher ausgegeben. Mit dem Bier in der Hand geht es in den Block, in dem die Sicht durch den Flutlichtmast, der mitten im Sichtfeld steht, teilweise stark eingeschränkt ist.

Anpfiff in Haching, Kiel geht nach 13 Minuten durch Holt mit 1:0 in Führung, Kiel jubelt, aber dann erhält Unterhaching Mitte der ersten Halbzeit einen zweifelhaften Elfmeter zugesprochen, den der unsympathischste Spieler auf dem Platz souverän verwandelt: Tobias Schweinsteiger! Unsympathisch ist der sportlich im Vergleich zu seinem Bruder B. weniger erfolgreiche „Schweini II“ nicht nur wegen seiner Lübecker Vergangenheit – wer sich nach einem Tor vor dem Gästeblock völlig unbegründet zum Affen macht und versucht, mit Gesten die Gästefans zu provozieren, hat es irgendwie nicht verstanden…

Egal, Mund abwischen, Spiel geht weiter. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit: Auf zum Wursttest! Verkaufsstände befinden sich in unmittelbarer Nähe, riesige „BRATWURST“-Hinweisschilder leiten den Hungrigen zur Krippe. Damit sich Heim- und Gästefans nicht aus Versehen in der Wurstwarteschlange in die Quere kommen oder sich gegenseitig das Grillgut aus den Brötchen mopsen können, trennt ein Zaun die Fangruppen vor dem Container, in dem der Verkaufsstand untergebracht ist. Links die Rot-Blauen, rechts die Störche – bedient wird aus zwei Verkaufsfenstern jenseits und diesseits des Zaunes, die Würste kommen dann allerdings wieder von einem gemeinsamen Gasgrill, der in den Tiefen des Containers versteckt ist. Die laaange Bratwurst im Brötchen kostet ebenfalls 3 Euro, Senf und Ketchup stehen in Plastikflaschen zur Verfügung (übrigens ist Unterhaching Standort des Senf- und Feinkostherstellers „Develey“, und dieser beliefert den Generali-Sportpark mit Leckereien aus der Senfküche). Geschmacklich kann das Wurst-Senf-Ensemble überzeugen, das Brät ist fein gewürzt, der Bräunungsgrad lässt jedoch ein wenig zu wünschen übrig. Ob die Würste auf der „Heimfan-Seite“ des Gasgrills mit mehr Liebe zubereitet werden?

Das Brötchen, in dem die Wurst überreicht wird, ist zu pappig und absolut geschmacksneutral. Der Gesamteindruck der Wurst stellt den Gaumen aber dennoch mehr als zufrieden. Leichte Abzüge in der Bewertung gibt es neben den bereits genannten Punkten jedoch für die insgesamt etwas lieblos wirkende Präsentation der angebotenen Speisen und Getränke in den Versorgungscontainern. Somit erhält die getestete Bratwurst-Semmel der SpVgg Unterhaching von mir in Summe 4 von 5 Sternen.

(4/5)

Der Rest des Ausflugs in den Generali-Sportpark ist dann schnell erzählt: In der Halbzeitpause gibt es ein innovatives Torwandschießen auf eine vom Sponsor zur Verfügung gestellte Plastikwand für die Fans. In der zweiten Halbzeit erzielt Unterhaching gegen insbesondere in der Abwehr nachlassende Kieler zwei weitere (dem Spielverlauf nach durchaus verdiente) Tore, der Kieler Spieler Lamprecht bekommt im siebten Saisonspiel seine sechste gelbe Karte, nachdem er das letzte Spiel bereits gelbgesperrt verpasst hatte (beeindruckende Quote!). Tobias Schweinsteiger wird auf Hachinger Seite endlich ausgewechselt. Die Kieler Fans feiern trotz 1:3-Niederlage lieber sich selbst und die Mannschaft. Dann geht’s unter gefühltem Polizeischutz (ein Streifenwagen nähert sich unauffällig dem Bahnsteig…) zurück zum S-Bahnhof und aus der Vorstadt zurück nach München.

Fazit: In der 3. Liga wird teilweise ganz ansehnlicher Fußball gespielt, in Unterhaching gibt es zwar keinen „Robb´n´Roll“, einen Besuch ist der Generali-Sportpark aber trotzdem wert. Und sei es nur deswegen, um einmal ein Stadion zu besuchen, in dem ein Eigentor eine Meisterschaft entschieden hat…

Autor: H.Peters
Datum: Freitag, 4. September 2009 11:52 | Dieser Artikel wurde 1,709mal gelesen
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4 Kommentare

  1. 1

    Mit bleifreiem Löwenbräu und Auswärtsstörchen im Gästekäfig eingesperrt. Das ist echtes Abenteuer im Dienste der Wurst – Respekt!

  2. 2

    Glückwunsch zum ersten Artikel und herzlich Willkommen.

    Wo ist aber die Fußballwurst?

    Ballack ein Weltstar? Dafür fehlt Ihm doch der WM-Titel. Ich drück die Daumen das er in Südafrika Weltmeister wird.

  3. 3

    Die Wurst-Fotos sind im digitalen Übertragungsdschungel verschütt gegangen…

    Daumen drücken tu ich Ballack natürlich auch – da muss endlich mal ein internationaler Titel her!

  4. 4

    Die Wurstfotos wurden von einem schwarzem Loch im digitalem Universum verschlungen?

    Ganz schön gefährlich diese Dinger.

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